Zu einer Schale von Giampaolo Babetto

Vor mehr als zehn Jahren habe ich in der Kirche St. Michael in München eine Serie von Silberschalen gesehen. Sie wurden in der Liturgie verwendet, als Hostienschalen. Noch nie zuvor hatte ich auf einem Altar so schöne Schalen gesehen. Bei meinem Mitbruder P. Hermann Breulmann SJ, damals Rektor von St. Michael, erkundigte ich mich nach dem Namen des Künstlers. So habe ich die ersten Werke von Giampaolo Babetto kennengelernt. In den Jahren danach habe ich mehr über Giampaolo Babetto erfahren, in Katalogen waren Schmuck und Gefäße dieses außerordentlichen Goldschmieds zu sehen. Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich ihn in der Galerie von Heike Curtze in Wien persönlich kennengelernt. Dort habe ich auch eine größere Anzahl seiner Werke im Original gesehen, Goldschmuck, Silberobjekte, Silberschalen. Die Objekte aus Silber waren fast alle sehr licht, mit hell glänzenden Flächen. Silber besitzt ja einen wunderschönen milden Glanz. Doch ein Gefäß war dunkel, von der Farbe erhitzten Silbers, schattig, nicht hell poliert. Dieses Gefäß hat mich besonders angezogen. Nach und nach kam mir der Gedanke, ob nicht gerade so eine Schale wunderbar in meine Kirche, die Konzilsgedächtniskirche in Wien 13, passen würde. Und schließlich habe ich Giampaolo Babetto um eine Schale gebeten. Ich habe die ungefähren Maße angegeben. Die Schale sollte aus Silber und innen vergoldet sein. Und sie sollte Schatten besitzen. Die Schale ist im März 2020 entstanden, in einer gerade für Oberitalien schrecklichen Zeit der Pandemie mit vielen Toten.

Die Liebe zu Jesus kann sich auf vielfältige Weise zeigen. Eine davon ist die Liebe zur Schönheit. Diese Liebe wird in der katholischen Kirche unserer Tage oft unterschätzt, wenig gepflegt. Das Kriterium für Glaubwürdigkeit ist heute fast ausschließlich das soziale Engagement. Zweifellos ist der Einsatz für die Notleidenden ganz entscheidend. Doch wer sich in die Sprache der Evangelien vertieft, wird eine tiefe und im Verborgenen blühende Schönheit entdecken. Ein Beispiel dafür sind die Gleichnisse Jesu. Sie sind keine Beschreibungen des Gottesreiches, sie weisen auf ein Geheimnis hin ohne es zu enthüllen. Die Gleichnisse legen sich wie Schleier über eine Wirklichkeit, die sie andeuten, die durch die Verhüllung zu erahnen ist, die jedoch nur gemeinsam mit diesem Schleier wahrgenommen werden kann. Entschleiert würde sie sich augenblicklich entziehen. Jedes Kunstwerk lässt eine unfassbare und in allem verborgene Schönheit wie durch einen Schleier ahnen. Die Bedeutung eines Kunstwerks lässt sich auch an der Art und Weise erkennen, wie in ihm mit dem Phänomen des Verhüllten, des Verschleierten, des Schattens umgegangen wird. Die wahren Bilder zeigen nicht nur, sie verhüllen auch. Wahre Schönheit ist nur als Leuchten aus dem Schatten erfahrbar. Zwischen der Sprache der Evangelien und bedeutenden Kunstwerken besteht eine eigenartige und tiefe Beziehung. Wenn daher der Schönheit nicht Raum gegeben wird, geht etwas Wesentliches der christlichen Botschaft verloren.

Im Kunsthistorischen Museum in Wien wird ein Kelch aufbewahrt, der ursprünglich aus dem Kloster St. Peter in Salzburg stammte. Er ist um 1160/80 entstanden. Neben ihm ist auch die zu ihm gehörende Patene, die Hostienschale, zu sehen. Sie ist wie ein flacher Teller gebildet, vergoldetes Silber. Im Zentrum, eben dort, wo die große Hostie lag, ist das Lamm Gottes zu sehen. Im Kreis darum herum sind die Jünger mit Jesus versammelt. Sie sitzen wie um einen Tisch herum, auf einer kreisrunden Fläche um das Lamm herum sind sogar einige Gegenstände des Mahles zu sehen, auch ein Kelch, aus dem gerade Jesus dem zu seiner Linken sitzende Jünger etwas zu essen reicht. Auf die Frage, wer ihn verraten würde, sagte Jesus beim letzten Abendmahl: „Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.“ (Joh 13,26) Die Patene aus dem Kloster St. Peter weist auf unnachahmliche Weise auf die Einheit eines bereits Geschehenen mit dem Gegenwärtigen hin. Denn in der an der Stelle des Lammes liegenden Hostie ist Christus gegenwärtig inmitten seiner Gemeinde. Und was sich im Bild auf der Patene ereignet, wird in der Feier der Eucharistie gegenwärtig gesetzt. So gehen hier künstlerische Gestaltung und reales Geschehen eine untrennbar enge Verbindung ein. Auch in unserer Gegenwart wird geglaubt, dass Jesus Christus in der Feier der Eucharistie gegenwärtig ist. Diese Gegenwart wird erfahrbar in der Gemeinde, der Gestalt des Priesters, im Wort der Heiligen Schrift und in den Gestalten von Brot und Wein. Doch ein Bild für diese Wirklichkeit finden wir heute nicht mehr. Was im 12. Jahrhundert möglich war, lässt sich heute nicht einfach wiederholen. Die Gegenwart Gottes in dieser Welt wird heute ganz anders erfahren.

Die Gefäße von Giampaolo Babetto entstehen aus einer flachen Silberblechscheibe. Es ist ein langwieriger und mühsamer Prozess, der viel Erfahrung und Können erfordert. Immer wieder muss das gehämmerte Metall erhitzt werden, um ihm die Härte und Spröde zu nehmen. Dann wird es von neuem bearbeitet. Nach und nach bildet sich die Rundung der Schale, ihre Höhle, ihre Höhe und Weite. Die Schale der Konzilsgedächtniskirche wächst von einer kleinen Standfläche hoch. Die Wand ist leicht gekrümmt, eine zarte Kurve. Die Öffnung ist weit, und wer von oben in die Schale blickt, könnte meinen, in einen tiefen Brunnen zu schauen. Die vergoldete Innenseite wurde mit der Flamme bearbeitet und hat Schatten über dem Glanz des Goldes. Auch die Außenseite der Schale hat Schatten über dem milden Leuchten des Silbers. Der Schlag des Hammers hat kleine Vertiefungen in die glatte Oberfläche getrieben, sie sind im Silber oft hell, im Gold leuchten sie auf. So ist die Oberfläche der Schale von einem reichen Leben erfüllt, nie gleichförmig, nie unbewegt. Das Metall ist durch die lange Arbeit des Treibens so dünn geworden, dass die Schale, wenn sie in der Hand getragen und mit der Fingerspitze angeschlagen wird, heftig vibriert und klingt wie eine Glocke. Es ist ein heller Ton zuerst, der von einem sehr tiefen Ton getragen wird und bald ganz in diesem tiefen Ton aufgeht. Als käme aus der Tiefe dieses Raumes ein wunderbarer Klang. 

Tanizaki Jun´ichiro, einer der großen japanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, hat in einem kleinen Buch, „Lob des Schattens“, den Entwurf einer japanischen Ästhetik geschaffen. Wer dieses Buch liest, findet sich einer Welt gegenüber, die sich von unserer westlichen stark unterscheidet. Unserer Vorliebe für Beleuchtung, auf Hochglanz polierte Flächen und sterile Oberflächen steht hier eine Welt gegenüber, die im Schatten, im Dunklen die Erscheinung des Schönen wahrnimmt. Tanizaki Jun´ichiro weist auf diese im Verborgenen aufleuchtende stille Schönheit in vielen Bereichen des Lebens hin. Von der Architektur und der Gestaltung der Landschaft bis hin zum Silberbesteck, dessen Dunkel in Japan nicht einfach wegpoliert wird, zeigt er, welcher Zauber und welche tiefe Wahrheit durch Wertschätzung des Schattens zu entdecken ist. Der lange Essay „Lob des Schattens“ entstand 1933. Angesichts einer sich immer schneller wandelnden Welt wird Tanizaki Jun´ichiro fast wehmütig und beendet seinen Text mit feinem Humor: „Ich jedenfalls möchte versuchen, unsere schon halbverlorene Welt der Schatten wenigstens im Bereich des literarischen Werks wieder aufleben zu lassen. Ich möchte am Gebäude, das sich Literatur nennt, das Vordach tief herabziehen, die Wände beschatten, was zu deutlich sichtbar wird, ins Dunkel zurückstoßen und überflüssige Innenverzierungen wegreißen. Ich sage nicht, daß ich mir das für alle Häuser wünsche; aber wenigstens eines von dieser Art darf doch wohl bestehen  bleiben. Und um zu sehen, was dabei herauskommt, lösche ich probeweise einmal das elektrische Licht.“ (Lob des Schattens, Manesse Verlag 1988, 74)

Das Beschatten der Wände, das ins Dunkel Drängen des zu deutlich Sichtbaren, die Abwesenheit aller überflüssigen Verzierung, all das begegnet mir in der Schale von Giampaolo Babetto. Es gibt eine geheime Ökumene der Liebhaber des Schattens. Wir sprechen von der „Heiligen Nacht“ und feiern das Entgegenkommen Gottes im Dunkel. Er tritt uns aus dem Schatten entgegen. Genau das kann ich erfahren, wenn ich bei der Feier der Eucharistie in die Schale schaue, und mir von ihrem Grund die Hostie entgegenleuchtet. Sie ist im Schatten geborgen. Und wie das überschattete Gold einen umso tieferen Glanz entwickelt, wie das verdunkelte Silber von weit her leuchtet, so kann im Dunkel des Geheimnisses das heimliche Strahlen einer unfassbaren Wahrheit gefeiert werden. Die Schale von Giampaolo Babetto ist für mich wie eine Schwester jener großartigen Patene aus dem Kloster St. Peter in Salzburg. Doch was damals figürlich dargestellt werden konnte, das muss sich heute auf andere Weise zeigen.

Auf einiges möchte ich noch hinweisen, das mich der Umgang mit der Schale von Giampaolo Babetto gelehrt hat. Auch Dinge können ja gute Lehrmeister sein. Wie groß ist doch die Versuchung, dem dunklen, unsauber wirkenden Silber mit einem Reinigungsmittel den scheinbar verlorenen Glanz wieder zu schenken. Dieser Versuchung darf unter keinen Umständen nachgegeben werden. Wir neigen immer wieder dazu, alles klar und rein, sauber und appetitlich haben zu wollen. Nicht selten stellen wir uns vor, auch Gott hätte uns gegenüber die gleichen Ansprüche. Doch die Liebe zum Schatten kann uns lehren, die Welt in einem anderen Licht zu sehen, in einem Licht nämlich, das durch den Schatten nicht behindert, sondern in seiner Kraft erst richtig wahrnehmbar wird. Die zarte Silberschale hat mich auch gelehrt, Dinge mit Sorgfalt in die Hand zu nehmen. Ich habe einmal ein Kind gebeten, mit mir um den Altar herumzugehen und die Schale dabei der Gemeinde zu zeigen. Wie schön war es zu sehen, mit welcher Behutsamkeit und Anmut das Kind die Schale getragen hat. Die Schale hat mich auch gelehrt, den Wert der Dinge nicht im Materiellen zu suchen. Ihr Materialwert ist nämlich gering. Wer ihr aber Zeit schenkt, den belohnt sie mit großem Reichtum. Denn in ihrem Leuchten ist der Ursprung einer Welt zu entdecken, etwas, das von weither kommt und weithin weist. 

Gustav Schörghofer SJ
November 2021