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Regina Zachhalmel
Ist es in Ordnung?
Die Kunst von Regina Zachhalmel ist eine Nacherzählung. Ihre Zeichnungen zeigen keine Vielfalt von Strichen, sondern eine kleine Auswahl von Strichen wird wiederholt und wiederholt, als würde eine Beterin die immer gleiche Anrufung sagen. Die verwendeten Mittel sind sparsam, Graphit und ein Regenbogenstift, das heißt ein Farbstift, dessen Mine verschieden gefärbt ist. So wird ein Strich neben den anderen gesetzt, eine ausfahrende Handbewegung nach der anderen vollzogen. Es ergeben sich zusammenhängende Gebilde, Bändern gleich, die eine Illusion des Räumlichen entstehen lassen. Der Eindruck des Räumlichen kann auch durch Überschneidungen hervorgerufen werden. Wenn das Weiß des Blattes unbearbeitet bleibt, kehrt in den Zeichnungen eine Stille ein, die im Getöse des Graphits und hinter den leiseren Tönen des Buntstifts erhalten bleibt. All das wirkt so, als wäre es aus den Resten eine großen Zeichentradition zusammengesetzt worden, denen so neues Leben eingehaucht wurde. Eine heitere Leichtigkeit gemischt mit schwerem Ernst.
Das Heitere mit dem Ernsten vereint findet sich auch in den Arbeiten auf Leinwand. Auf einen farbigen Grund sind Stoffteile appliziert, mit lang herabhängenden Fäden befestigt. Wer mit Schneiderei vertraut ist wird erkennen, dass die Stoffteile Schnittmustern folgen. Es sind die Bestandteile aufgetrennter Kinderhemden, Kappen oder Hundehemden. All das findet Regina Zachhalmel in den Billigabteilungen des Textilhandels, der letzten Station dieser Produkte vor der Entsorgung. Mit ihrem geschulten Blick weiß Regina Zachhalmel zu schätzen, was anderen entgehen kann. Sie ist erstaunt über den Erfindungsreichtum, die sorgfältige Verarbeitung, die für die Herstellung aufgewendete Mühe. Sie gebraucht diese Dinge nicht, sondern führt sie aus dem Dreidimensionalen zurück ins Zweidimensionale. Sie verwandelt den Gebrauchsgegenstand in eine zauberhafte Gestalt mit lang herabhängenden Fäden. All das wirkt wie eine Beschwörung des Geistes dieser Dinge. Für den Charakter dieser Arbeiten entscheidend ist auch, dass über die Muster der Textilien eine malerische Gestaltung gelegt wird, die dem Ganzen eine strenge Ordnung und eine charakteristische Farbstimmung gibt. Selbstverständlich ist diese Vorgehensweise als Kritik an einer von Konsum und raschem Verbrauch beherrschten Gesellschaft zu verstehen. Diese Kritik wird nicht mit erhobenem Zeigefinger vorgetragen, sondern hat immer wieder auch etwas Witziges, wie die Verwandlung von Hundehemden zeigt. Die Nacherzählung durch Regina Zachhalmel verwandelt die Massenware in bezaubernde Einzelstücke, das Billige ins Kostbare einer märchenhaften Gestalt.
Die Kunst von Regina Zachhalmel zeigt keine Menschen. Sie nährt sich aber vom Tun unbekannter Arbeiterinnen in fremden Ländern, deren Tun im Hintergrund dieser Kunst bleibt. Die Kunst ist gestaltetes Erinnern an das Tun dieser Menschen. Sie zieht eine Spur der Erinnerung in das Wahrnehmen und Denken der Betrachterinnen und Betrachter. Wer den Fäden beharrlich folgt, gelangt zu den Menschen. Und von den Unbekannten am Beginn der Produktionskette gelangen Betrachterinnen und Betrachter wieder zu sich selbst. Und wenn es gut geht, hat sich in ihnen etwas verändert.
Gustav Schörghofer SJ