Die Skulpturen von Franz Rosei bilden eine ernste Gesellschaft. Diese Steine oder Bronzen liegen oder stehen einem gegenüber, ohne aus sich herauszugehen. Sie bleiben auf merkwürdige Weise in sich verschlossen. Doch wenn man ihnen gegenüber ausharrt, ihnen Zeit schenkt, dann geben sie sich als sehr sensible Wesen zu erkennen. Sie fordern von einem Betrachter oder einer Betrachterin eine Haltung ein. Welche Haltung entspricht diesen Gebilden?

Diese Skulpturen stehen in vielfältigen Bezügen, zueinander, zu Grundordnungen des Raumes, zum menschlichen Körper. Sie fordern eine Haltung des Erinnerns. Erinnern bedeutet hier gesammeltes Andenken, ausdauernde Gegenwart, geduldiges Mühen. Das Erinnern stellt diese Skulpturen in die Vielfalt ihrer Bezüge, in den von ihnen erschlossenen Reichtum ihrer Gegenwart. Die Skulpturen von Franz Rosei fordern ebenfalls eine Haltung der Eigenständigkeit, sie erschließen sich denen, die sich nicht vereinnahmen lassen, die bereit sind zu einem stillen Dasein, weitab aller Propaganda.

Keine der Skulpturen von Franz Rosei wirkt als aufrüttelnder Appell, keine versucht, den Betrachter zu vereinnahmen, ihn zu überreden. Sie sind fern aller Manipulation. Diese Gebilde wirken vielfach wie Brocken. Da gibt es keine in den Raum ausgreifende Gliedmaßen, keine umfangende oder gar überwältigende Form. Wir haben es immer mit einem stillen und in sich geschlossenen Gegenüber zu tun. Die Oberfläche der Steine und Bronze wirkt wie eine enganliegende Haut, wie die Rinde der Platanen. Sie legt sich um einen Körper, dessen Schwellungen und Mulden sie sich anschmiegt. So haben diese Skulpturen den Charakter inniger Nähe, einer zärtlichen Berührung, ohne jemals zu nahe zu treten. In ihnen wird eine innige Beziehung zum menschlichen Körper eingegangen. In ihnen wirkt eine ordnende Macht. Die achsiale Ausrichtung, Horizontale und Vertikale, feine Akzente, die eine Schamgegend, eine Brust, einen Bauch, ein Gesicht andeuten, all das weist darauf hin, dass hier aus weit reichender Erinnerung gestaltet wird. Nichts wird abgebildet, aber vieles erinnert an einen Körper, an einen Kopf.

Neben den Steinen bilden die Bronzen im Werk von Franz Rosei eine eigene Familie. Sie sind als eigenständige Gebilde entstanden, in Gips geformt, oder gehen auf Gipsabgüsse von Steinen zurück. Doch niemals haben wir es mit Kopien der Steine in Bronze zu tun. Die Gipsform des Abgusses wird immer weiterbearbeitet, bis die Gestalt dem entspricht, was nicht in Stein, sondern nur in Bronze zu formen ist. Die Bronzegüsse werden noch weiterbearbeitet, geschliffen, bis die Oberfläche die Geschlossenheit erreicht hat, die dem Metall eigen ist. Dann folgt noch der Prozess der Patinierung, Säure wird auf die heiße Bronze aufgebracht. So entstehen diese Gebilde, die anders als der Stein eine gleichförmig geschlossene Oberfläche besitzen. Noch intensiver als bei den Steinen wirkt diese Oberfläche wie eine dem Körper dicht angeschmiegte Haut. Und noch mehr als die Steine bilden die Bronzen eine ernste Gemeinschaft. Es ist der Ernst einer ganz und gar gesammelten Gegenwart. Das macht sie für die Betrachterin oder den Betrachter, die sich diesem Ernst gewachsen zeigen, zu einem ungemein anziehenden Gegenüber.

In den achtundzwanzig Jahren, die ich in der Festung Hohensalzburg gelebt habe, bin ich den Weg nachhause unzählige Male gegangen. Bei einem der letzten Aufstiege, kurz vor dem endgültigen Abschied von dieser Heimat, habe ich ein Stück Adneter Marmor aus dem Weg gegraben. Es hatte nur eine Ecke des Steins hervorgeragt, und die war blank geschliffen durch die Füße vieler, die den Weg vor mir gegangen sind. Diesen Stein habe ich mir aufgehoben und bewahre ihn. Er erinnert mich an den Weg in eine Heimat, an die vielen Male, die ich diesen Weg gegangen bin, an die vielen Menschen, die vor mir oder auch nach mir diesen besonderen Ort besucht haben. So sind auch die Skulpturen von Franz Rosei. Sie rufen die Erinnerung an gelebtes Leben wach, an gewesenes, gegenwärtiges und zukünftiges. Sie zeigen, dass wir in einer Ordnung stehen, dass uns Grenzen gesetzt sind und wir uns doch frei entfalten können, dass in aller Entfaltung eine Beziehung zu einem Kern, einer Mitte in uns erhalten bleibt. Sie zeigen, dass menschliches Leben in dieser Welt möglich ist.

Gustav Schörghofer SJ