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Nadim Vardag
Msgr. Otto Mauer Preis 2025
Eröffnung am 11. Februar 2026 um 18 Uhr im JesuitenFoyer
Gustav Schörghofer SJ spricht.
Zur Kunst von Nadim Vardag
Die Werke von Nadim Vardag bieten jenen, die in der Kunst Themen zur Belehrung, Erbauung oder Unterhaltung suchen, keine Anhaltspunkte. Sie wirken karg und nüchtern, auch reserviert und sind mitunter auf den ersten Blick nicht als Kunstwerke zu erkennen. Denn diese Kunst ist in einem Reich angesiedelt, das vor den Gegenständen der Bilder, vor ihren nacherzählbaren Inhalten liegt. Das mag seltsam klingen. Doch gerade diese Eigenart der Kunst von Nadim Vardag ermöglicht ihr, den Blick für die kritische Wahrnehmung dessen zu schärfen, wie die Welt in Bildern vorgestellt wird.
Was gibt es im Werk von Nadim Vardag zu sehen? Da gibt es eine umfangreiche Serie von Kaltnadelradierungen, die Verschlingungen schlauch- oder wurmartiger Gebilde zeigen, sorgfältig plastisch gestaltet. Es gibt Zeichnungen mit perspektivisch dargestellten geometrischen Gebilden. Dann gibt es Klapprahmen, leer oder mit Aluminiumgewebe gefüllt, Objekte, die an Keilrahmen erinnern, große kastenartige Konstruktionen aus Sperrholz, schwarze und gleißend helle bildartige Flächen. Es geht um Kunst unter den Bedingungen ihres Gezeigt-Werdens. Im Filmprojektor wird der Lichtstrahl während des Wechsels von einem Bild zum andern durch eine Blende verdunkelt. Zu sehen ist also 24mal Helle und 24mal Schwarz pro Sekunde. Bei Vardag wird dieses für das Auge nicht sichtbare Geschehen reduziert auf schwarze Bildflächen und mit Neonröhren besetzte gleißend helle Bildflächen. Dazu gibt es knappe Ausschnitte aus Filmen zu sehen, wie etwa das immer wiederkehrende Aufleuchten eines Lichtreflexes auf der Lippe einer Schauspielerin. Ob etwas als Kunstwerk erkannt wird, hängt vielfach von den Umständen seiner Präsentation ab. Die großen bühnenartigen Konstruktionen, die ursprünglich als Ausstellungsarchitektur für das MUMOK geschaffen worden sind, werden in einer Ausstellung von Vardag ein eigenständiges Kunstwerk. Umgekehrt werden die in einer Ausstellung an die Wand gerückten und so völlig geschlossenen Sperrholzkonstruktionen an einem anderen Ort zu Kästen mit Lagerraum. Nun ist die bisher verborgene offene Seite nach vorn gekehrt. Dass der Rahmen für die Wahrnehmung eines Gegenstandes eine besondere Rolle spielt, ist bekannt. Bei Vardag ist es der Rahmen allein, ein industriell hergestellter Klapprahmen, der als Kunstwerk auftritt. Nadim Vardag versteht es, das, was normalerweise nicht als Kunst gedeutet wird, wie die Dokumentation einer Ausstellung, Designgegenstände oder handwerklich korrekt gearbeitete Objekte, als Kunstwerk in Erscheinung treten zu lassen. Dadurch wird etwas deutlich, das dem Blick auf das Kunstwerk normalerweise entgeht: Es sind jene Konstruktionen, die in der Erscheinung eines Kunstwerks verborgen sind und die seine Qualität ausmachen. Ihre Gestaltung erfordert äußerste Präzision und großes Können.
Mit dieser Eigenart ist die Kunst von Nadim Vardag tief in der Tradition der europäischen Kunst verwurzelt. Die Geschichte des eigenständigen Kunstwerks beginnt im 14. Jahrhundert. Sie ist von zwei wesentlichen Erfindungen geprägt: von der Erfindung einer geometrischen Bildkonstruktion und später der Erfindung des Hell-Dunkels. Die Erfindung der zentralperspektivischen Konstruktion erlaubt es, eine Bildfläche als geordnetes Ganzes zu gestalten, das sowohl flächig als auch räumlich zu erfahren ist. Im Bau des Bildes hat jeder Punkt seinen präzisen Ort, in der Fläche und in einem imaginierten Raum. Von Paolo Uccello (1397–1475) wird berichtet, dass er so sehr im Bann der Perspektive war, dass er darüber alles andere vergessen konnte. Immer neu konstruierte er komplizierte Gebilde, bekannt ist der mazzochio genannte Ring, der ein regelrechtes Markenzeichen von Uccello geworden ist. Die Kaltnadelradierungen von Nadim Vardag rufen mit ihrer plastischen Präzision die Erinnerung an jene Bilder der frühen Renaissance wach.
Für Jacopo Tintoretto (1518–1594) bestand die größte Herausforderung seiner Kunst im Umgang mit Schwarz und Weiß. Jeder Bildgegenstand ist eingebettet in ein zwischen Schwarz und Weiß gespanntes Kontinuum. Diese Hell-Dunkel-Malerei kann sich auch eines farblichen Kontinuums bedienen, bei den Niederländern etwa. Aber immer ist das Hell-Dunkel-Kontinuum für die Ganzheit des Bildes und die Einbindung alles Dargestellten in dieses Ganze entscheidend. Nadim Vardag ruft in seiner Kunst die Erinnerung an diese wesentlichen Voraussetzungen für Kunst wach.
Die Kunst von Nadim Vardag gehört einer Zeit an, in der alle Inhalte, Gegenstände, Darstellungsweisen verfügbar sind. Sie alle werden in der Propaganda und der Werbung benützt, um die Rezipienten manipulativ zu beeinflussen. In der Kunstproduktion wimmelt es von Bildern, die für oder gegen etwas Stellung beziehen. Eine Kunst, die nüchtern und präzise die Bedingung von Kunst zur Darstellung bringt, ist dringend nötig. Sie ist eine entscheidende Hilfe für die Schulung des kritischen Blicks und für eine von Missverständnissen freie Kommunikation. Die Kunst von Nadim Vardag ist eine Hilfe genau in diesem Sinn. Vielen Dank für diese Kunst.
Gustav Schörghofer SJ
Begründung der Jury
Die Jury des Msgr. Otto Mauer Preises 2025, bestehend aus Andreas Fogarasi, Kathrin Rhomberg, Stella Rollig, Johanna Schwanberg, Gustav Schörghofer SJ und Esther Stocker entschied, den diesjährigen Msgr. Otto Mauer Preis Nadim Vardag zuzuerkennen.
In seiner gut zwei Jahrzehnte umspannenden Ausstellungstätigkeit geht Nadim Vardag immer wieder auf die Bedeutung des Gezeigten in seiner Beziehung zur Art und Weise des Zeigens ein. Zeichnerische Arbeiten befassen sich mit der Technik von Projektionen, installative Arbeiten mit der Bedeutung von Projektionsflächen. Die Spannung zwischen Helle und Dunkelheit, Licht und Dunkel als Raum des Erscheinens von Bildern im Film und in der Arbeit auf Papier spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Kunst von Nadim Vardag bringt auf eine außerordentlich präzise und konzentrierte Weise einen Bereich des Kunstwerks zur Darstellung, der allem in Kunstwerken gegenständlich Gegebenen vorgegeben ist, nämlich die Bedingung der Möglichkeit des Erscheinens von Gegenständen schlechthin. Der Ökonomie der Aufgeregtheit setzt Nadim Vardag eine subversive Ruhe entgegen, eine Konzentration auf die ästhetischen und sozialen Bedingungen des Zeigens, des Ausstellens, des Öffentlich-Machens. Somit ist die präzise Aufmerksamkeit im Schaffen von Nadim Vardag nicht nur ästhetisches Werkzeug, sondern direkte, menschliche Kommunikation. Das Betrachten dieser Kunst ist daher auch eine Einübung in ein kritisches Verständnis gegenwärtiger Bildproduktion. Denn die Kunst von Nadim Vardag ist geprägt von einem konsequenten Engagement für eine Präzision des Blicks auf Bilder, ihre Herstellung und ihre Präsentation in der Öffentlichkeit.
aus der Sammlung
der Jesuiten
Historische Landkarten aus der Sammlung der Jesuiten:Kunst
Nach der Auflösung des Kalksburger Kunstkabinetts wurde ein repräsentativer Teil des Bestandes nach Wien 1 transferiert. Die Graphiksammlung, darunter auch eine Sammlung historischer Landkarten, wurde damit Teil der Sammlung Jesuiten:Kunst. Vier dieser Landkarten sind nun im JesuitenFoyer zu sehen.
Die beiden Weltkarten von Martin Waldseemüller (ca. 1472–1520) wurden 1901 von Josef Fischer SJ in der Bibliothek von Schloß Wolfegg entdeckt. 1903 wurden sie als Faksimile von Josef Fischer SJ und Franz Ritter von Wieser ediert. Die gezeigten Karten stammen aus dieser Edition. Die durch Nachdrucke bekannte Weltkarte von Martin Waldseemüller galt lange als verschollen. Sie bildete gemeinsam mit einem ebenfalls von Waldseemüller gezeichneten Weltglobus Teil einer Veröffentlichung, die 1507 erschienen ist: Cosmographiae Introductio. Verfasser des Textes war Matthias Ringmann, mit Waldmüller befreundet und wie dieser Mitglied eines Kreises von Gelehrten in Saint Dié-des-Vosges, einem für seine humanistische Geisteshaltung berühmten Kloster in Lothringen. Am Kolleg des Klosters unterrichteten Waldmüller und Ringmann. In seinem Text schlug Ringmann vor, den neu entdeckten Kontinent, denn als solchen bezeichnete er diese neue Welt, nach Amerigo Vespucci „America“ zu nennen, weiblich deswegen, weil alle Kontinente weiblich seien. Diese Bezeichnung übernimmt Waldseemüller in seine Weltkarte, die alte kartographische Traditionen mit neuen Erkenntnissen verbindet und zum ersten Mal das neu entdeckte Land als Kontinent zeigt und als America bezeichnet. 1516 wurde die Carta Marina Waldseemüllers gedruckt, die erste große und gedruckte Seekarte der gesamten damals bekannten Welt. Hundert Jahre blieben die einzigartigen Karten nach ihrer Entdeckung auf Schloß Wolfegg im Eigentum der Fürsten von und zu Waldburg-Wolfegg und Waldsee. Dann wurden sie schließlich 2001 an die USA verkauft und befinden sich nun in der Library of Congress in Washington. Martin Waldseemüller war sich offenbar nicht sicher, ob die neu entdeckte Welt tatsächlich als Kontinent zu sehen war und hat in der Carta Marina diesen Weltteil als Asien zugehörig bezeichnet.
Georg Matthäus Vischer (1628–1696) stammte aus Tirol und war Pfarrer in Leonstein. Vor allem aber war er Kartograph und genoss als solcher höchste Anerkennung. 1667 beauftragten ihn die oberösterreichischen Stände mit dem Erstellen einer Karte des Landes ob der Enns. Vischer bereiste das ganze Land und arbeitete mit modernsten Messgeräten. Seine 1669 in Augsburg von Melchior Küssel gedruckte Karte blieb über ein Jahrhundert lang die maßgebende Karte der Austria Superior. Der gezeigte Druck stammt aus dem Jahr 1762. Vischer fertigte auch zahlreiche Zeichnungen von Gegenden, Städten und bemerkenswerten Bauwerken, einige sind auf der Karte zu sehen. 222 dieser Zeichnungen sind als Kupferstiche 1674 unter dem Titel Topographia Austriae superioris modernae in Augsburg erschienen.
Die Österreichische Provinz der Gesellschaft Jesu wurde 1563 gegründet. Die ausgestellte Karte stammt aus der Zeit des Generaloberen P. Michelangelo Tamburini SJ, ca. 1710. Sie wurde von Matthäus Seutter (1678–1757) in Augsburg veröffentlicht. Im 18. Jahrhundert hatte die Provincia Austriae SJ bis zu 1900 Mitglieder. Auf der Karte sind die Niederlassungen verzeichnet, die Wegstrecken zwischen bedeutenden Orten sind in einer Tabelle angegeben. Es findet sich ein Verzeichnis der Generaloberen, der Provinziäle und bedeutender Wohltäter des Ordens.
Gustav Schörghofer SJ