Bäckerstraße 18, 1010 Wien
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Jörg Reissner
Parlament
Der Titel der Ausstellung, PARLAMENT, bezieht sich auf ein Buch von Bruno Latour, Das Parlament der Dinge. Latour ist bemüht, den Dingen, der unbelebten Natur eine Stimme im Kontext unserer demokratisch verfassten Gesellschaft zu geben. Eine von ihm angestrebte politische Ökologie verlangt eine Achtung der Rechte der nicht menschlichen Natur.
Der Weg von Bruno Latour zu den Arbeiten von Jörg Reissner ist offensichtlich weit. Da kann es nicht verwundern, dass jemand ratlos vor diesen Dingen steht. Doch vielen Dingen gegenüber sind wir ratlos. Und die Einsicht in eigene Ratlosigkeit ist durchaus wünschenswert. Denn oft steht die fertige Einsicht dem genauen Wahrnehmen im Weg.
Warum hängen die Leinwände nicht an der Wand? Warum sind so viele Holzstücke, die an Verschnitt erinnern, verteilt? Warum ist das alles scheinbar zufällig zusammengestellt, spielerisch und wie vorübergehend angeordnet? Wir bewegen uns zwischen diesen Dingen wie zwischen den Relikten einer fremden, untergegangenen Kultur. Bei genauerem Hinsehen lässt sich aber viel entdecken. Vieles erinnert an Bekanntes. Die Zusammenstellung all dieser Dinge hat aber doch etwas Befremdendes. Zugleich wirkt sie auch lustig, hat einen ganz eigenen Charme.
Die Formen erinnern an Scherenschnitte, an Laubsägearbeiten, an die Zierlatten der Holzverkleidungen von Bauernhäusern. Die Farben sind Schwarz, Weiß, Resedagrün. Keines der Objekte ist gehängt. Alles ist gestellt, gelegt, gelehnt, gestapelt. Als Material werden MDF-Platten, Sperrholzplatten und Leinwände verwendet, immer wieder Abfall von anderen Arbeiten, übrig gebliebene Reste. Inhaltlich lassen sich Flammen, Pflanzenblätter, Pilze, Architekturteile wie Zinnen oder Kuppeln, Totenköpfe entdecken, all das vielfältig variiert, aneinandergereiht, kreisförmig angeordnet.
All das steht mit uns auf gleichem Niveau. Wir müssen nicht zu etwas aufschauen, nichts ist auf einem Sockel erhöht, sondern all diese Dinge befinden sich auf dem gleichen Niveau wie wir. Die Formen rufen vielfache Erinnerungen wach, an Lebendiges und Totes, an Verfestigtes wie die Architektur und Wandelbares wie die Flammen. Alles ist sehr labil. Es hält gerade noch zusammen. Es ist ein Bild unserer Welt, die sehr instabil ist, sehr zerbrechlich und gerade noch zusammenhält. Doch da kommt noch etwas hinzu: Alle diese Gebilde haben etwas Leichtes, Lustiges. Sie laden ein zum Spielen. Ich kann mir also inmitten all dieser Gebilde meiner selbst bewusst werden als eines Menschen, der die Freiheit zum Gestalten besitzt. Die Welt um mich herum ist labil, aber sie ist so gesehen auch gestaltbar, sie lädt ein zum Spiel. Die Fähigkeit zum Spielen ist uns vielfach verloren gegangen, aber sie ist am Ursprung der Kultur, der Kunst, der Religion.
Vielleicht helfen die Arbeiten von Jörg Reissner dem Betrachter, der Betrachterin, in einer instabilen Welt die Fähigkeit zum Spiel in sich neu zu entdecken.
Gustav Schörghofer SJ