CLEMENS KALETSCH
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15. Februar 2018 – 27. März 2018

Wie Erinnerung zustande kommt

Manchmal sind es Hügel oder Berge, manchmal Gegenstände, manchmal Figuren, die als durch Farbe und Form fester zusammengefügte Gebilde in den Bildern von Clemens Kaletsch Gestalt annehmen. Die Farbe wird dichter, intensiver, die Striche werden enger und sammeln sich um etwas einem Umriss gleich. Doch nie ist etwas fest umfangen und eindeutig als ein Bestimmtes zu erkennen. Alles bleibt auch offen, alles behält etwas Schwebendes, es kann so sein oder auch anders. Die Bilder von Clemens Kaletsch eröffnen eine Welt des Angedeuteten, des nicht Festgelegten. Dabei haben sie nichts Verschwommenes, nichts vom Ungefähren jener Begegnungen, in denen vieles angedeutet und doch nichts gesagt wird, in denen der Schein von Bedeutsamkeit bewahrt wird durch das beiläufige Berühren großer Themen. Es ist ganz anders. Wie manche Begegnungen in der U-Bahn. Seit Monaten habe ich jemand, der mir lieb und teuer ist, nicht mehr gesehen. Da sitzt er nun plötzlich mir gegenüber. Ich frage ihn, wir wechseln ein paar Worte, und schon müssen wir wieder auseinander. Oder jemand anderer, der mir gänzlich unbekannt ist, kommt ins Gespräch mit mir. In wenigen Worten zeigt sich eine unbekannte Welt. Davor haben wir uns nie gesehen, nach unserer kurzen Begegnung werden wir uns kaum wiedersehen. In diesen kurzen Momenten, die etwas Schwebendes haben, etwas Unfertiges und zugleich sehr Klares, sehr Bestimmtes, geschieht etwas, an das mich die Bilder von Clemens Kaletsch erinnern. Die Figuren befinden sich oft in einem weiten Umfeld, das sie umgibt wie ein durchlichtetes Fluidum. Die Farben sind dünn aufgetragen, lasierend und Schicht über Schicht. Es ist ein Vorgang des unaufhörlichen Verschleierns und wieder zum Vorschein kommen lassen. Und doch schließt sich nie eine der Gestalten zur fest umrissenen Figur zusammen. Die schwarzen Striche sind fest und klar an ihrem Ort, sie schaffen Verdichtungen, doch bleibt alles ein bisserl in der Luft, hat etwas Schwebendes und zugleich auch den Bezug zu einem oft nur angedeuteten Boden, einem weiten Horizont. Auch wenn die Striche den Charakter einer Handschrift tragen, klingt in ihnen die alte Ordnung der Bilder in Horizontale und Vertikale nach, etwas Geordnetes und Gefügtes. Es ist viel Raum um die Gestalten, eine Leere wohl nicht, aber Stille. Der fast schon romantischen Stimmungen dieser Räume wirkt die eigenartige Grobheit der Linien und Pinselstriche entgegen. Eleganz ist hier keine zu finden, eher schon die Unbekümmertheit eines flüchtigen Übermalens, eines Ausstreichens des Pinsels. Die Striche der Zeichnung sind spröd, sperrig. Hier wird bewusst gegen etwas angegangen, das als Gefahr den Umgang des Virtuosen mit Farben und Formen begleitet: einfach nur schöne Bilder hervorzubringen, die ohne Widerspruch ins Gemüt sickern, nicht weh tun, aber auch ohne jeden Nährwert sind. Die Bilder von Clemens Kaletsch sind schön, sie haben einen Zauber, aber sie leisten auch Widerstand, sie lassen sich nicht von jenen Gemütern vereinnahmen, die einfach nur Beruhigung suchen und geschmackvolle Unterhaltung. Sie haben etwas Abgründiges und sind doch nie aggressiv bedrohlich. Sie zeigen, dass die Welt da ist, mit aller Bestimmtheit, und dass sie zugleich immer auch anders ist. Auch dieses Andere wird mit aller Bestimmtheit vor Augen geführt.

Die Malereien und Zeichnungen von Clemens Kaletsch erzählen keine Geschichte. Hier wird an keine Ereignis erinnert. Denen, die sich auf diese Bilder einlassen, können sie zu Bildern des eigenen Lebens werden. Nicht in der Form der Erinnerung an Erlebtes, sondern als Bilder dafür, wie Erinnerung zustande kommt. Wie vieles auftaucht und sich zugleich entzieht, Gestalt annimmt und doch nicht recht fassbar ist. Wie alles, das wir zu fassen meinen, sich als ganz anderes erweist und schon wieder entschwunden ist. Und gerade in diesem Unhaltbaren ist alles nah und vertraut und lieb und wert. Die wunderbare Kunst von Clemens Kaletsch eröffnet die Welt nach außen und nach innen.

Gustav Schörghofer SJ
Februar 2018