LILO RINKENS
Gewänder des Übergangs

20. Oktober 2016 – 20. Februar 2017

In die überschwängliche, golden fleischfarbene Pracht der Wiener Jesuitenkirche sind zwei Objekte gehängt, sonderlich fremd und merkwürdig selbstverständlich zugleich. Sie haben die Form von Kleidern. Eines der Gewänder ist sehr dunkel, tiefes Blau mit roten Akzenten, das andere sehr hell, fast weiß.

Lilo Rinkens hat zwei Leinwände mit Titanweiß bestrichen und im nassen Zustand gefaltet. Dann wurde Farbe aufgetragen. Sowohl die Vorderseite als auch die Rückseite beider Gewänder ist gestaltet. Nun schweben sie und können mit den Fingerspitzen erreicht werden. Sie sollen nicht fern des Alltäglichen im Unerreichbaren hängen. Denn mit dem hellen und dem dunklen Gewand sind lichte und düstere Seiten des Lebens verbunden. Gewänder begleiten durch Freude und Trauer, sie helfen, Halt zu finden, sie verbergen, schützen und offenbaren zugleich.

Die Kunst von Lilo Rinkens ist außerordentlich still. Bilder mittelgroßen Formats und Zeichnungen zeigen knappe Anmerkungen, Linien und Flecken, inmitten weiter weißer Flächen. Im Vergleich zu diesen Arbeiten sind die beiden Gewandobjekte verhältnismäßig stark im Ausdruck. Aber auch sie bleiben inmitten barocker Üppigkeit äußerst zurückhaltend. Zugleich besitzen sie eine Kraft, die in den Farben und Formen des mächtigen Raumes eine Resonanz erweckt.

„Es gibt den besonderen Augenblick, in dem ein Mensch sein Gewand ablegt und ein anderes überstreift. Damit verwandelt er sich für eine Weile, es kann ihm Würde, Schutz oder Kraft geben. Es kann ihn verbergen oder erstrahlen lassen. Er ist für eine Weile ein Anderer. In jedem Gewand wartet aber auch der gerade verlassene oder bereits der zukünftige Zustand.“ (Lilo Rinkens)

In den Geschichten der Bibel habe Gewänder eine außerordentliche Bedeutung. Sie sind Zeichen der Erhöhung und der Erniedrigung: Josef erhält vom Pharao Gewänder aus Byssus (Gen 41,42), dem verlorenen Sohn wird „das beste Gewand“ gebracht (Lk 15,22), Jesus wird zum Spott ein Prunkgewand umgehängt (Lk 23,11). Sie umfangen alle Bereiche des Lebens. Auch heute wird die Braut weiß gekleidet. Gewänder der Trauer sind schwarz. Und jedes Gewand bezeichnet immer auch einen Übergang.