URSULA MAYER

15. November 2007 – 30. November 2007

Ursula Mayer, The Crystal Gaze, 2007

geboren 1970 in Oberösterreich; Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien, am Royal College of Art sowie am Goldsmith College in London; lebt und arbeitet in London;

  

Spiegel und Kristall

Ursula Mayer hat sich in den letzten Jahren intensiv mit den Medien Video und Film auseinandergesetzt. The Crystal Gaze, ein 16 mm-Film, entstand 2007. Hauptdarsteller der Filme sind gebaute Räume und Frauen, die sich in der sehr markanten Architektur bewegen. Eine Betrachterin oder ein Betrachter wird in eine Atmosphäre von Ernst und Bedeutungsschwere hineingenommen. Sie mag etwas hermetisch wirken. Das Schweigen, die Glätte der Materialien, die stilisierten Bewegungen, die Geräusche, selbst das Gesprochene oder Gesungene, alles das vermittelt den Eindruck des Fremden, Abgesonderten.

In den Filmen von Ursula Mayer treten ausschließlich Frauen auf. Weist das auf einen feministischen Standpunkt hin? Wird ein bestimmtes Bild der Frau entworfen? Wird ein bestimmtes Bild in Frage gestellt? Entworfen wird das Bild der Frau als eines exquisiten, schön verpackten Geschöpfs in eleganter Umgebung, merkwürdig abgesondert in ein Inneres, das unerreichbar bleibt. Das Glamouröse, in Betrachtung des Eigenen Verlorene charakterisiert diese Frauen, eine permanente Selbstbespiegelung im Käfig des Kameraauges. Zugleich wird dieses Bild zerstört. Es verliert sich in tausend Spiegelungen, wird in unzählige Facetten zerlegt, zerschlagen durch abrupte Schnitte, aufgelöst im unentwegt Schweifenden der Kamera, in einem eigenartigen Sehnsuchtsmotiv, das in den Filmen anklingt. Es entstehen Diskontinuitäten, Löcher im logischen Verlauf. Geräusche und Musik tragen das ihre dazu bei. Echos, Stille und Leere sind in The Crystal Gaze Mittel, um durch die Bilder eine „zweite Wirklichkeit“ zu erschließen, etwas, das nicht unmittelbar abzubilden ist. Sie begleiten die Bilder und ziehen sie in etwas hinein, dem sie nicht mehr recht gewachsen sind, dem sie sich zu ergeben scheinen. Eine Bewegung, die mächtiger ist als das, was die Personen als eigenen Bewegungsdrang besitzen.

Spiegel, spiegelnde Flächen, glitzernde, das Licht brechende und reflektierende Kristalle spielen in The Crystal Gaze eine große Rolle. Die Personen spiegeln sich auf vielfältige Weise. Im Betrachten der Gegenstände, in ihren Bewegungen, im Umgang miteinander, stets sind sie auf sich selbst zurückgeworfen. Ihr Erscheinen im Spiegel ist deutlichstes Bild dafür. Auch so wird das scheinbar fraglos präsentierte Frauenbild aufgelöst in tausend Rückfragen, gebrochen in der Reflektion.

Das Werk von Ursula Mayer erweist sich als äußerst komplex, offen für Deutungen auf verschiedenen Ebenen, aus unterschiedlichen Perspektiven. Es ist zeitgenössisch gerade in der Zersplitterung der Bilder, in der Entschiedenheit, mit der sich hier alles einer ideologischen Festlegung entzieht. Mit ihrer Hochglanzästhetik schmiegen sich die Filme von Ursula Mayer zeitgenössischen Tendenzen hautnah an und stellen sie zugleich auf sublime Weise radikal in Frage.

Gustav Schörghofer SJ

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner