JOANNIS AVRAMIDIS
FIGUR II

Mai 1999 - Oktober 1999

Das Werk von Joannis Avramidis macht die drei Jahrtausende alte Tradition europäischer Bildhauerkunst als eine kraftvolle Gegenwart erfahrbar. Die strenge geometrische Ordnung am Beginn der griechischen Kunst ist in ihm genauso gegenwärtig wie die schwellende Kraft der Figuren des sechsten Jahrhunderts und das Verständnis der Figur als eines Beziehungsgefüges in der klassischen Zeit des fünften Jahrhunderts.

Eine geistige Verwandtschaft verbindet Avramidis nicht nur mit der griechischen Bildhauerei, sondern auch mit Künstlern der frühen Renaissance, mit Paolo Uccello oder Piero della Francesca, und ebenso mit einigen Künstlern des vergangenen Jahrhunderts, Constantin Brancusi, Wilhelm Lehmbruck und Oskar Schlemmer. Das Element des Konstruktiven und eine Leidenschaft für die Figur sind ihnen allen eigen. Joannis Avramidis, der als Zwangsarbeiter aus Athen nach Wien geraten ist und hier nach dem Krieg an der Akademie der bildenden Künste sein Studium begann, hat sehr früh zu einem Aufbau der Figur aus horizontal geschichteten Elementen und vertikalen Schnitten gefunden. Meist mehrere Achsen bilden den Mittelpunkt von Kreisen oder Kreissegmenten unterschiedlichen Durchmessers. Wie Schichten liegen diese Kreise übereinander. Aus vertikalen und horizontalen Elementen wird so das Gerüst einer Skulptur geschaffen. Es erinnert an Trägerelemente und Stockwerkplatten einer Gebäudekonstruktion. Der rechte Winkel bestimmt den inneren Aufbau, das Kreissegment die äußere Form. In den Sechzigerjahren entwickelt Avramidis Bandfiguren, die in sich eine Beziehung darzustellen vermögen. Das geschieht durch den Aufbau um eigenständige Achsen oder durch das Umbiegen der Achse in einem Kopfstück.

Figuren von Joannis Avramidis stellen etwas dar. Doch hat dieses Darstellen nichts zu tun mit individuellem Ausdruck. Es werden keine Geschichten erzählt. Sind diese Figuren zeitlos? Auch das nicht, da sie ja in einem außerordentlichen Maß gegenwärtig sind. Zeitlos aber vielleicht in dem Sinn, dass sie über die Zeiten hin gegenwärtig halten können, was „Figur“ in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutet hat. Die Erscheinung der menschlichen Gestalt hat in den Figuren von Joannis Avramidis eine wohl auch für die Zukunft gültige Form gefunden. Nur in unserer Zeit konnte diese Form gefunden werden.

Die 1984 entstandene Figur II  (die Vierkantversion von Figur I (Rundform) aus demselben Jahr) ist um eine Achse geformt, die oben umbiegt und dann endet. Nach unten hin ist durch die Form der Figur kein Ende der Achse angegeben. Sie geht durch den Sockel, könnte noch weiter gehen. Die Achse steht fest, als wäre sie im Boden verankert. Die Figur verkörpert diesen festen Stand. Der Verlauf des Konturs erinnert an Formen des menschlichen Körpers, ein rechtes Bein, Hüfte, Rumpf. Der Querschnitt von Sockel und hochragender Gestalt ist quadratisch, von unterschiedlicher Seitenlänge. Gerichtet und zugleich in eine Beziehung zu sich selbst gestellt ist die Figur durch ihr Kopfstück. Sie nimmt einen festen Standort ein.

Die Gestalt entwickelt sich wellenförmig in den Umraum, strahlt ihren Rhythmus in den Raum aus. Und sie teilt dem Raum das Maß mit, das ihrem Bau zugrunde liegt. Die Figur ist Kern eines Raumes, der von ihr aus Gestalt annimmt. Dieser Raum ist aufgerichtet und ausgerichtet. Durch das Kopfstück hat er auch den Charakter des Selbstbezugs, des in sich Reflektierten. All das geschieht, ohne dass ein Handeln der Figur vorgeführt wird. Sie tut nichts, bildet nichts ab. Sie verkörpert an ihrem Ort eine Energie, die von ihr ausstrahlt. Sie erfüllt den Raum mit einer aufrichtenden und ausrichtenden Energie. Sie verkörpert darüber hinaus eine Haltung, die zu sich selbst in Beziehung gesetzt ist. Das heißt aufrecht stehen im 20. Jahrhundert. Als Kern eines Raumes, der von ihr aus Gestalt annimmt, entspricht Figur II dem Raum der Jesuitenkirche.

Aus „Drei in Blau“, Gustav Schörghofer SJ, 2013