GEORGIA CREIMER
PSYCHOGENICS V

4. April 2019 - 30. November 2019

Die Kunst von Georgia Creimer eröffnet ein Reich beständiger Veränderung und Erwartung. Formen werden erfunden und gefunden, gestaltet, von neuem aufgegriffen und verwandelt. Es sind lange und langsame Prozesse, die zu immer neuen Transformationen des Gestalteten führen. Georgia Creimer arbeitet mit Bleistift, Pinsel und Farbstift auf Papier, Leinwand oder Wand. Technische Hilfsmittel wie digitale Bildbearbeitung oder Projektion werden sehr sparsam eingesetzt. So weit entfernt die entstehenden Gebilde auch von der gewohnten Gestalt vertrauter Lebewesen erscheinen mögen, sie haben alle einen engen Bezug zum Körper. Sie sind in gewisser Weise Entfaltungen des Körpers oder Zurücknahmen des Körpers in das noch nicht Entfaltete, ins Verborgene, Geborgene, im Stillen Heranreifende. Durch diese Vorgänge lassen die Gebilde einen Raum entstehen. Sie versammeln ihn um sich oder umfangen ihn. Sie erschaffen einen Raum, der ohne sie nicht vorhanden wäre.

Die Wandmalerei in der Konzilsgedächtniskirche hat ihre Ursprünge in einer Serie pilzartiger Gebilde, die vor zwanzig Jahren entstanden sind. „Ich bedeckte diese Objekte mit kleinen handgezeichneten oder gemalten, rundlich-ovalen Formen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte diese Tätigkeit unendlich weiterführen und nannte sie Sisyphus. Ich dachte an selbstgenerierende Strukturen, sowohl in der Natur als auch in der Kunst.“ 2004 wurden diese Zellen in einer Malerei zu einer Art Schacht umgeformt, der an Scheinperspektiven des 17. oder 18. Jahrhunderts erinnert und zehn Jahre später in der Serie Mond im Hof noch einmal verwandelt auftauchen sollte. Die als Psychogenics bezeichneten Arbeiten schließlich entstanden 2012 als Wandmalerei im Stiegenhaus eines Großraumbüros (inzwischen übermalt). „Alle Psychogenics sind für mich so etwas wie räumliche Gebilde, die ständig im Begriff sind sich zu verändern und zu transformieren.“ (Georgia Creimer in einem Mail) Die Psychogenics sind Ansammlungen von zellartigen kreisrunden Gebilden, die beliebig erweiterbar erscheinen, etwas, das wächst, sich entfaltet, wuchert. Sie können flächig kreisrund bleiben oder ins Räumliche perspektivisch verformt werden, einfache Grundformen, die einer unbegrenzt scheinenden Transformation fähig sind. Das schwerelos Schwebende haben sie mit anderen Gebilden in der Kunst von Georgia Creimer gemeinsam.

Psychogenics V in der Konzilsgedächtniskirche erinnert an perspektivische Konstruktionen der Barockzeit oder an kurvige Ornamente des Jugendstils genauso wie an computergenerierte Formen. Die sich ins Räumliche entfaltende Gestalt erinnert an Flügel oder an einen Wasserfall (wie etwa jenem unter der Figur des hl. Nepomuk in der Wiener Franziskanerkirche) oder an einen Zellhaufen. Körperlich erfahren erinnert sie an elementare Vollzüge des Lebens, an Einatmen und Ausatmen. Sie ist elementare Veranschaulichung von Kommunikation, eines Aus-Sich-Herausgehens, Sich-Mitteilens. Sie zeigt etwas sehr Einfaches, das sich in der Entfaltung als unendlich vielfältig erweist. So entsteht Raum als Darstellung von Entgegenkommen.

Die Wandmalerei von Georgia Creimer in der Konzilsgedächtniskirche zeigt, was im Raum dieser Kirche geschieht: Sammlung, Verdichtung, Entfaltung. Ein Einatmen und Ausatmen. Ein Empfangen und Geben. Ein gesammeltes Bei-Sich-Sein und ein freies Aus-Sich-Heraustreten. Es ist jene Bewegung, die einen Raum der Liebe schafft, an dessen Entstehen Gott und Menschen beteiligt sind.

Gustav Schörghofer SJ