OSWALD OBERHUBER
Ohne Titel

10. Februar 2016 – 16. Mai 2016

Neues kann nicht wiedererkannt werden. Es muss sich mir zu erkennen geben. Es muss mir aufleuchten, sich mir zeigen. Erst dann kann ich es erkennen. So ist es mit dem Auferstandenen. Er muss sich zu erkennen geben. Er muss entgegenkommen. Sonst kann er nicht wahrgenommen werden. Er ist das Neue schlechthin, die neue Schöpfung.

Durch die Fastenzeit und die Osterzeit wird in der Konzilsgedächtniskirche ein von Oswald Oberhuber beschriebenes Tuch hängen. Er hat die Arbeit 1964 geschaffen (OHNE TITEL, Mischtechnik auf Molino, 315x588 cm; Dank an Galerie Christine König, Wien, und an Oswald Oberhuber). Die große Fläche ist in weiße Rechtecke gegliedert und hat etwas Mauerartiges. In die Rechtecke ist ein Text geschrieben, jeweils drei Zeilen. Auf eine rot beschriftete Fläche folgen jeweils zwei violett beschriftete Rechtecke. Zu lesen sind die ersten Kapitel der Offenbarung des Johannes, Offb 1,1 – 6,4.

Die Offenbarung des Johannes wurde um 90 bis 95 n. Chr. von einem Seher namens Johannes geschrieben. Sie gehört in das große Feld jüdischer apokalyptischer Schriften, die von der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. (Daniel) bis zum Ende des 1. Drittels des 2. Jahrhunderts n. Chr. (Aufstand des Bar Kochba) entstanden sind. Katastrophen erschrecken die Menschen, das Volk Gottes ist in großer Gefahr. Doch Gott schafft eine neue Welt in Frieden und Gerechtigkeit. Die Offenbarung des Johannes ist im Unterschied zur jüdischen Apokalyptik das Werk eines namentlich genannten Autors und ausdrücklich Christusverkündigung. Jesus Christus erscheint als Lamm, das geschlachtet wird. Er sammelt sein Volk, er rettet jene, die ihm die Treue bewahren. Das Schwache trägt den Sieg davon. Eine große Hoffnung auf den Beginn des Neuen, auf seinen Sieg weht durch die Offenbarung des Johannes.

Oswald Oberhuber (geb. 1931) zählt zu den bedeutendsten österreichischen Künstlern der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von Anfang an spielt Schrift in seiner sehr vielgestaltigen, sich ständig wandelnden Kunst eine große Rolle. Schreibend hat er sich hier einem Text genähert, der die Verwandlung der Welt durch Jesus Christus feiert. In der Kraft des Heiligen Geistes erneuert der Auferstandene alles Geschaffene und überwindet die Mächte des Todes. Die Antwort der Glaubenden auf dieses Wirken ist die Treue zu Jesus, das Vertrauen in seine Gegenwart. Diese wird immer neu herbeigerufen: Komm, Herr Jesus.

Das große Schrifttuch kann dazu helfen, diesen Ruf nach dem Kommen Jesu auch heute nicht verstummen zu lassen. Es ist der Ruf nach dem Neuen, das sich mir zu erkennen gibt. Es gibt sich mitten in dieser Welt zu erkennen. Es gibt sich in mir zu erkennen, dass auch ich mit Jesus auferstehe zu neuem Leben.