Alles neu und anders
Die Ausstellung im JesuitenFoyer ist eine kleine Retrospektive der Kunst von Nadim Vardag. Die grafischen Arbeiten sind zwischen 2007 und 2026 entstanden, die beiden Skulpturen an der Wand gehen in Teilen auf Arbeiten aus dem Jahr 2011 zurück und wurden 2024 in die jetzige Form gebracht. Verwendet wurden Platten aus einer früheren Produktion, eine MDF-Platte mit schwarzer Tusche und eine weiße Sperrholzplatte mit deutlichen Gebrauchsspuren, beide montiert auf Tischgestelle. Diese Tischgestelle sind als Designklassiker heute noch im Handel erhältlich. Entworfen wurden sie ursprünglich von dem deutschen Architekten Egon Eiermann. Sein Assistent Adam Wieland hat sie modifiziert und zerlegbar gemacht.
Für die grafischen Arbeiten, Axonometrien aus den Jahren 2007 und 2008, Kaltnadelradierungen aus den Jahren 2017 bis 2022 und Bleistiftzeichnungen aus dem Jahr 2026, hat Nadim Vardag eigene Montierungen gestaltet. Es sind keine Rahmen, sondern plastische Gebilde, die billige Bilderhalter integrieren und das Zweidimensionale der Grafiken weiten in das Dreidimensionale der Skulptur.
Auf den ersten Blick ist die Kunst von Nadim Vardag erstaunlich karg. Erst bei genauerem Hinsehen wird die Fülle an Verweisen, sorgfältig gestalteter Details und der Erfindungsreichtum dieser Kunst wahrnehmbar. Da ist zum einen der Rückgriff auf Altes: in den Axonometrien erinnert vieles an die Perspektiven der Frührenaissance, die Verschlingungen rufen immer wieder die Knotenbilder von Leonardo oder Dürer in Erinnerung, die Zeichnungen greifen Details aus Bildern von Grünewald auf. Auch die Technik, dieses überaus genaue Setzen von Strichen, ruft die Erinnerung an die Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts wach.
Bedeutsam ist auch die Rolle des Zufalls. Das könnte in einer so kalkulierten und streng durchdachten Kunst wie jener von Nadim Vardag verwundern. Aber immer wieder wird im zufällig Vorhandenen die Möglichkeit neuer künstlerischer Gestaltung entdeckt. Da sind die beiden Platten, Reste einer älteren Konstruktion, eine mit schwarzer Tusche bearbeitet, die andere noch deutlicher als beschädigter Rest erkennbar. Zwei Zeichnungen mit den Silhouetten von Gläsern, ursprünglich ein Blatt, waren Versuche, deren ästhetischer Zauber erst im Nachhinein entdeckt worden ist. Die Wiederverwendung von älterem Material und der Zufall sind in dieser Kunst Geschwister, sie gehen Hand in Hand.
Sehr rasch kann man beim Betrachten dieser Kunst entdecken, dass hier eine äußerste Reduktion betrieben wird mit dem Drang hin zum Elementaren. Elementar ist die neue Setzung von Designklassikern fern ihrer ursprünglichen praktischen Verwendung, ist die Art der Zeichnung, die Gestaltung in Schwarz und Weiß, die Art und Weise, wie hier aus Strichen Raum und Körper entstehen. Elementar sind auch die skulpturalen Formen der Bildträger und die dabei verwendeten Materialien.
Das Rationale, Kalkulierte und präzis Geplante geht in dieser Kunst eine erstaunliche Beziehung zum organisch Irrationalen, zum wuchernd Lebendigen ein. Die Verschlingungen von darmartigen Gebilden sind symmetrisch geordnet, nicht ganz genau, aber deutlich erkennbar. Die kühlen Konstruktionen haben einen sinnlichen Reiz. Die „Grünewaldhände“ sind höchst abstrakte Gebilde, wilde Naturformen auf der einen, streng gestaltete Kunstformen auf der anderen Seite. Sie bilden eine Familie mit den Verschlingungen der Kaltnadelradierungen. Erstaunlich ist immer, wie aus dem penibel genauen Setzen kleiner Striche und nur kleiner Striche Gebilde von praller Lebendigkeit und plastischer Wucht entstehen.
Die Kunst von Nadim Vardag betreibt eine Auflösung bisheriger und gewohnter Wertigkeiten. Sie ist eine Kunst am Rand der Kunst im Übergang zu etwas Neuem. Sie lehrt, Wirklichkeiten neu und anders zu sehen.
Gustav Schörghofer SJ