TATIANA LECOMTE
FASTENTUCH

3. März 2022 – Mitte April 2022

Sublimationsdruck auf KnitCanvas
900×450 cm

Arbeiten von Tatiana Lecomte sind mir schon länger bekannt. Jahre sind es her, dass zwei ihrer Fotoarbeiten im JesuitenFoyer ausgestellt waren, leicht abgeschmirgelte großformatige Farbabzüge, zwei Landschaften in leuchtendem Rot, wie brennend. Ein älterer Besucher fragte damals, ob die Bilder Bergen-Belsen zeigten. So war es tatsächlich. Er erzählte, dass er als kleiner Bub mit seinen Eltern nach dem zweiten Weltkrieg dort war: seine Großmutter und eine Tante waren in diesem Konzentrationslager gefangen gehalten und ermordet worden. Dieser Ort ist ihm unauslöschlich in Erinnerung geblieben.

Die Kunst von Tatiana Lecomte hat sehr viel mit Erinnerung zu tun. Immer wieder wird vorgefundenes Material verwendet. Immer wieder begibt sie sich mit ihrer Kunst an Orte, die Erinnerung wachrufen oder in Erinnerung bleiben sollten. Das sind immer wieder Orte des Leidens. Aber auch die Erinnerung an den Kampf um die Gleichberechtigung von Frauen oder an einen Aufenthalt in New York kann durch ihre Arbeit Gestalt annehmen.

Der bereits verstorbene Bruder von Tatiana Lecomte hatte ein Paar von seiner Mutter gestrickter Socken lange und immer wieder getragen. Die Socken zeigen die Spuren ihres langen Dienstes. Tatiana Lecomte hat sie auf Fotopapier gelegt und belichtet. Das so entstandene Fotogramm wurde in ein Positiv gewandelt. Im Rahmen des Hochaltarbildes der Jesuitenkirche in Wien 1 ist nun ein Großdruck dieser unscheinbaren Dinge zu sehen.

Was bleibt, wenn jemand geht? Oft sind es ganz unscheinbare Spuren, kleine Dinge, für Fremde nichtssagende Gegenstände. Ein Teller, ein Löffel, ein Kleidungsstück, Tücher oder auch Socken. Um ihr Gewicht zu kennen, ihre Bedeutung weit über den ohnedies nicht vorhandenen materiellen Wert hinaus, muss ich eine Geschichte kennen. Alle diese Dinge erzählen von Heimat, von Menschen oder auch Tieren, die in unserer Welt gegenwärtig waren, hier gelebt haben, Freude und Leid erfahren haben. Es sind Spuren gewesenen und immer noch gegenwärtigen Lebens. Denn alles, was war, bleibt, lebt fort, wird in neues Leben verwandelt und trägt und bereichert dieses neue Leben.

Im Psalm 118 gibt es einen wunderbaren Satz, den ich immer mit großer Freude lese: „Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden.“ Oft sind es die nicht beachteten Dinge und Menschen, die sich als Quellen ungeahnter Freude, als Anfang eines unerwarteten Neuen zu erkennen geben. Ich muss ihnen nur Beachtung schenken. Die Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart wendet sich immer wieder dem zu, was von der Gesellschaft übersehen oder gar verworfen wird. Sie lehrt, die Menschen am Rand der Gesellschaft, die kleinen Dinge, die stillen Wesen wahrzunehmen und zu entdecken. Diese Eigenschaft verbindet sie mit den großen Geheimnissen des Judentums und des Christentums. Denn in der Bibel wird immer wieder von der Erwählung dessen berichtet, was verachtet und geringgeschätzt wird. Deswegen konnte der oben zitierte Psalmvers auf Jesus Christus bezogen werden. Es ist Gott selber, der sich im Unscheinbaren und Kleinen verbirgt.

Die Socken schweben im weiten Weiß. Sie erscheinen wie eine farbige Wolke. Sie erinnern an einen Menschen, der sie getragen hat. Sie erinnern an eine Frau, die sie gestrickt hat. Keiner dieser Menschen ist den Betrachterinnen und Betrachtern bekannt. Gelebtes Leben ist als Geheimnis durch das Bild gegenwärtig. So ist es auch mit anderen Arbeiten von Tatiana Lecomte. Sie führen uns an die Schwelle eines Geheimnisses. Im Unscheinbaren ist etwas Großes zu ahnen, etwas, das uns weiterführt und einen Weg weist, viel eindringlicher und besser, als all die lauten Worte und übersteigerten Gesten, denen wir im Leben und in der Kunst Tag für Tag begegnen. Wahrheit und Schönheit sind  leise, sehr leise.

Gustav Schörghofer SJ

 

Fotos (2): Jorit Aust

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