CANAN DAGDELEN
IMMATERIAL construct

27. Mai – 11. September 2021

Von der Kunst, im Freien zu gehen

 

Canan Dagdelen ist in zwei Kulturen zuhause, vielleicht auch nicht zuhause. Sie ist in der Türkei aufgewachsen und kam als Zwanzigjährige zum Studium nach Österreich. Zuerst studierte sie an der Wirtschaftsuniversität, dann an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Sie wurde dort zur Keramikerin ausgebildet. Ihr ursprüngliches Material war Ton. Texte zu ihrer Kunst sind vornehmlich mit ihrer Beheimatung in unterschiedlichen Kulturen befasst, mit ihrer aus persönlichen Erinnerungen und zufälligen Eindrücken gespeisten Bildwelt und mit der Bedeutung von Sprache in ihrem Werk. Dabei wird aber eine Eigenart ihres künstlerischen Schaffens übersehen, auf die ich im Folgenden eingehen will. Es hat mit einer für diese Kunst charakteristischen Beziehung zu Architektur zu tun.

In den 90er Jahre formt Canan Dagdelen Reliefs, die aus einzelnen Teilen wie aus Ziegeln aufgebaut sind. Manchmal habe die reliefierten Objekte auch tatsächlich Gestalt und Größe von Ziegeln. Später werden Fotos auf die Oberfläche von Tonobjekten in Gestalt von Ziegeln oder sechseckigen Kacheln übertragen. Auch Schriftzüge sind zu finden. Material und Gestalt der Formen erinnert an die elementaren Bestandteile von Architektur, an die Ziegel. Später entstehen kleine Objekte in Gestalt von Grundtypen osmanischer Architektur, Kuben mit aufgesetzten Kalotten. Sie sind an der Wand angebracht, quer oder auf dem Kopf stehend, nie mit dem Boden nach unten. Und dann gibt es noch gleichzeitig zu den kleinen gebäudeähnlichen Objekten in den Raum gehängte Architekturen. Gebäude oder Grundrisse werden aus Kugeln oder linsenförmigen Objekten nachgebildet, gewissermaßen für die Ergänzung durch Erinnerung angedeutet.

Die Keramikkunst von Canan Dagdelen hat sich vom Formen von Gefäßen, aber auch vom Formen dessen, was normalerweise unter Skulptur verstanden wird weit entfernt. Ihre Gebilde haben keinen Sockel. Sie haben im wortwörtlichen Sinn keinen Boden unter den Füssen. Mitunter stehen oder liegen sie auf dem Boden, doch wird dieses Stehen oder Liegen nicht dargestellt. Obwohl diese Kunst allein schon durch ihr Material einen starken Bezug zu Architektur hat, wird die Schwere, die Bodenständigkeit, das von unten Aufgebaute der Architektur vermieden. Architektonisches wird auf elementare Formen reduziert und ins scheinbar Schwerelose versetzt. So entstehen die Andeutungen von Gebäuden und Grundrissen, die in die Luft gesetzt werden, ohne einen Boden unter sich zu haben. Dem, was wesentlich einen Bezug zum Boden haben soll, wird dieser Bezug entzogen.

Es sollte kein Zweifel darüber bestehen, dass die ungebrochene Tradition europäischer Kultur im 20. Jahrhundert an ein Ende gekommen ist. Anzeichen dafür gibt es in Politik, in Wissenschaft, Kunst und Religion zahlreiche. Wir sind in vielfacher Hinsicht heimatlos geworden. Das Verlangen nach Orientierung ist groß und wird von einer umfangreichen Industrie bedient. In der Kunst werden alte Traditionen nicht fortgeführt. Die Geschlossenheit einer früheren Formensprache und alter Inhalte ist aufgebrochen worden. Eine Menge individueller Ausdrucksweisen machen die Orientierung auch im Feld der Kunst zur Angelegenheit von Spezialisten. Andererseits hat eine Wendung zu elementaren Formen des Ausdrucks stattgefunden, die wiederum einen leichten und unmittelbaren Zugang zu den Werken der Kunst ermöglicht.

Das Werk von Canan Dagdelen erfordert kein umfangreiches Wissen, um sich der Betrachterin oder dem Betrachter zu erschließen. Wichtig ist selbstverständlich ein Wissen um den Bezug dieser Arbeiten zu traditionellen osmanischen und türkischen Architekturformen, zu Bautypen und Grundrissen. TABANI dot (im JesuitenFoyer) bildet etwa den Grundriss einer Karanwanserei nach. Gebautes wird hier transformiert. Bauwerke stehen normalerweise auf dem Boden, so sind wir es gewohnt. Aber können sie nicht auch in der Luft schweben? Können sie nicht auch aus anderem Material errichtet sein als aus Steinen, Ziegeln, Beton, Glas und Stahl? Das frühe Christentum hat die Gemeinde als Bauwerk aus lebendigen Steinen verstanden. Heute gibt es den Begriff der sozialen Plastik, der in den Begriff der sozialen Architektur weiterzudenken wären. Denn das, worum es hier geht, ist viel zutreffender als Architektur zu verstehen, denn als Plastik. Canan Dagdelen baut ihre architekturförmigen Skulpturen aus einfachen Elementen, Kugeln und Linsen, auf. Keines dieser Einzelelemente ist dem anderen gleich. Selbst dort, wo die Gleichförmigkeit gegeben zu sein scheint, wie bei den Metallelementen von TABANI dot, wird durch Spiegelung und Lichtwirkung jedes Element unterschiedlich erscheinen. Die Arbeiten von Canan Dagdelen fordern ein geduldiges Betrachten, um ihre Besonderheiten zu zeigen. Sie schaffen eine Atmosphäre der Stille und der Sammlung und helfen so der Betrachterin und dem Betrachter, den Boden unter den eigenen Füssen neu zu entdecken.

Noch ein Wort zu den im JesuitenFoyer gezeigten Zeichnungen. Sie sind Entwürfe für Mosaikarbeiten. Aus runden, in einen Lehmgrund gedrückten Tonstiften unterschiedlicher Färbung entstehen Bilder. Sie erinnern an stark vergrößerte digitale Fotos, haben aber damit nichts zu tun. Auch diese Bilder sind kleine Bauwerke, errichtet aus verschiedenfarbigen gleichförmigen Elementen. In ihnen blickt uns eine Wand an, oder ein Boden, oder die Innenseite einer Kuppel. Sie schweben oder machen schweben. Das Inhaltliche hat demgegenüber keine große Bedeutung. Diese Bilder schaffen einen schwebenden Raum. Sie geben keine Weisung, keine Belehrung, sie haben keine Botschaft. Sie könnten denen, die sie betrachten, helfen, leichter auf den eigenen Beinen zu stehen und zu gehen.

Gustav Schörghofer SJ

„Im Mittelpunkt meiner künstlerischen Arbeit steht immer wieder der Mensch mit seinem Bestreben in Ungewissheit sein weltliches Dasein zu positionieren. Ich denke, dass es nur eine innere imaginäre Sicherheit gibt, welche ein feiner Balanceakt zwischen Himmel und Erde sei, wie auch bei ‚TABANI dot’. Besonders in der Zeit, in der wir jetzt leben, ist es die große Herausforderung jenen „inneren Raum“ in sich zu finden, der die ersehnte Stabilität und Geborgenheit schafft.“ Canan Dagdelen zur Aktualität ihrer Installation TABANI dot.

Außerdem wird in der Ausstellung IMMATERIAL construct die Sprache der Installation inhaltlich und formal mit vier farbigen Entwurfszeichnungen ausgehend von den eigenen Fotografien der Künstlerin begleitet.

Zur Person

Canan Dagdelen lebt und arbeitet in Wien. Ihre raumgreifenden Installationen und Interventionen waren im Rahmen von Einzel- und Gruppenausstellungen international zu sehen. Ihre Arbeiten sind in mehreren Sammlungen u.a. in Wien Museum / Kunstmuseum Lentos, Linz / Museum Liaunig / Istanbul Modern / Arter, Vehbi Koç Foundation Zeitgenössische Kunstsammlung Istanbul / 21st Century Museum of Contemporary Art, Kanazawa / Sammlung des Niederösterreichischen Landesmuseums und in Privatsammlungen vertreten.

Öffnungszeiten

Bis 4. Juli gelten die regulären Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag, 16:00 bis 18:00 Uhr sowie Samstag, 11:00 bis 13:00 Uhr. In den darauffolgenden Wochen ist ein Besuch der Ausstellung ausschließlich nach telefonischer Vereinbarung (Tel: 0699 11441567) möglich.

Sollten auf Grund aktualisierter Corona-Bestimmungen Änderungen notwendig sein, werden diese auf unserer Website rechtzeitig bekannt gegeben.