LILO RINKENS
GEWÄNDER DES ÜBERGANGS

November 2020 – April 2021

Lilo Rinkens, Gewänder des Übergangs, 2016, Acryl auf Leinwand, Höhe ca. 280 cm

Lilo Rinkens hat zwei Leinwände mit Titanweiß bestrichen und im nassen Zustand gefaltet. Dann wurde Farbe aufgetragen. Sowohl die Vorderseite als auch die Rückseite ist gestaltet. Die beiden Objekte haben die Form von Kleidern. Eines der Gewänder ist sehr dunkel, tiefes Blau mit roten Akzenten, das andere sehr hell, fast weiß.

Zum ersten Mal waren die beiden Arbeiten vor vier Jahren in der Jesuitenkirche in Wien 1 zu sehen. Nun schweben die Gewänder des Übergangs in der Konzilsgedächtniskirche, so tief, dass sie berührt werden können. Sie sollen nicht fern des Alltäglichen im Unerreichbaren hängen. Denn mit dem hellen und dem dunklen Gewand sind lichte und düstere Seiten des Lebens verbunden. Gewänder begleiten durch Freude und Trauer, sie helfen, Halt zu finden, sie verbergen, schützen und offenbaren zugleich.

Die Kunst von Lilo Rinkens ist außerordentlich still. Bilder mittelgroßen Formats und Zeichnungen zeigen knappe Anmerkungen, Linien und Flecken, inmitten weiter weißer Flächen. Im Vergleich zu diesen Arbeiten sind die beiden Gewandobjekte stark im Ausdruck. Aber auch sie bleiben äußerst zurückhaltend. Zugleich besitzen sie eine Kraft, die im kargen Raum der Konzilsgedächtniskirche eine Resonanz erweckt.

 „Es gibt den besonderen Augenblick, in dem ein Mensch sein Gewand ablegt und ein anderes überstreift. Damit verwandelt er sich für eine Weile, es kann ihm Würde, Schutz oder Kraft geben. Es kann ihn verbergen oder erstrahlen lassen. Er ist für eine Weile ein Anderer. In jedem Gewand wartet aber auch der gerade verlassene oder bereits der zukünftige Zustand.“ (Lilo Rinkens)

In den Geschichten der Bibel habe Gewänder eine außerordentliche Bedeutung. Sie sind Zeichen der Erhöhung und der Erniedrigung: Josef erhält vom Pharao Gewänder aus Byssus (Gen 41,42), dem verlorenen Sohn wird „das beste Gewand“ gebracht  (Lk 15,22), Jesus wird zum Spott ein Prunkgewand umgehängt (Lk 23,11). Gewänder umfangen alle Bereiche des Lebens. Auch heute wird die Braut weiß gekleidet. Bei der Taufe wird ein weißes Kleid überreicht. Gewänder der Trauer sind schwarz. Und jedes Gewand bezeichnet immer auch einen Übergang. 

Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs.

Gustav Schörghofer SJ

Lilo Rinkens wurde 1964 geboren. Sie lebt in München, malt, zeichnet und fotografiert. Studiert hat sie Bildhauerei bei M. Rousselle und Lothar Fischer in München und Berlin, Malerei bei Emilio Vedova in Venedig.  –  www.lilo-rinkens.de