TONI SCHMALE
The good enough mother

10. Dezember 2017 – 30. Jänner 2018

Zu den Privilegien meiner Kindheit gehörte der freie Eintritt in die Museen der Festung Hohensalzburg. Einmal im Jahr besuchte ich das Rainer-Regimentsmuseum. Dort zog mich besonders ein bizarr verformtes Stück Stahl an, der Rest einer Granate, die, wie zu lesen war, den Hauptmann NN. und drei seiner Soldaten getötet habe. Fingerdicker Stahl, blütenhaft aufgebrochen, und das verletzliche Fleisch, das hat in mir eine sonderbare Ahnung wachgerufen. Mehrmals im Jahr besuchte ich das Festungsmuseum. Dort übten eine Reihe gotischer Flügelaltäre eine magische Anziehungskraft aus. Was mich zu ihnen hinzog waren aber nicht heilige Gestalten, sondern die hochragenden Lanzen der Soldaten. Diese Geräte wurden in weiches Fleisch gestoßen. Sie drangen in Körper ein. Auch der kühle Stahl der Schwerter faszinierte mich, wohl aus dem gleichen Grund. Und dann war da, inmitten von Foltergerät, ein Buch, die Constitutio Criminalis Theresiana, aufgeschlagen. Bis heute habe ich das Bild vor Augen: auf eine Streckleiter gespannt ein Mann, neben ihm einer, der dem fast Nackten eine Hose hochhält, rechts darunter ein dritter an einer Kurbel, um den Strick zu spannen. Der Gefolterte hat den Mund geöffnet. In dieses Bild bin ich versunken. Dieser gequälte Körper, der Schmerz, dieses geschäftige und distanzierte Dabeisein der anderen.

Beim Betrachten einer Arbeit von Toni Schmale, kontaktgrill, ist mir das Bild aus der Constitutio Criminalis in Erinnerung gekommen. Die Arbeiten von Toni Schmale werden vielfach mit Vorstellungen und Entwürfen von Sexualität in Verbindung gebracht. Auf die Bezüge dieser Bildwelt zur Gewalt wird weit weniger hingewiesen. Gänzlich gerät die Verknüpfung dieser beiden Bereiche außer Sicht. Andererseits lässt sich fragen, ob all diese Hinweise tatsächlich zu einer auch nur entfernten Einsicht in die Bedeutung dieses Werkes beitragen. Wird da nicht allzu viel assoziativ an die Arbeit herangetragen?

Selbstverständlich kommen mir beim Betrachten der Skulpturen von Toni  Schmale Erinnerungen an Bilder aller Art: Geräte eines Fitness-Studios, Folterwerkzeug, Maschinen zur Disziplinierung des Körpers, körperbezogenes Spielzeug. Ich sage bewusst Bilder, denn diese Dinge rufen Bilder wach. Sie selber haben etwas Bildhaftes. Sie sind, aus Stahl und Beton geformt, mit Wucht präsent. Sie besitzen enorme Einschlagskraft, impact. Andererseits wirkt die Gestaltung der Oberfläche, pulverbeschichtet, verzinkt, brüniert, sandgestrahlt, distanzierend. Keines dieser Objekte darf berührt werden, obwohl sie nach Berührung regelrecht schreien. Sie sind Bilder, nur zum Anschauen, dazu bestimmt, Vorstellungen wachzurufen.

Toni  Schmale fertigt ihre Skulpturen in einem Raum, der gar nichts hat von dem, was als Atelier einer Künstlerin vorstellbar wäre. Das ist eine Werkstatt, eine Schlosserei. Ein Eisentisch, Schraubstock und Amboss, schweres Gerät. Das reine Vergnügen für jemanden, der in Werkstätten zuhause ist. Das Rohmaterial ist weitgehend vorgeformt, 60 mm Präzisionsrohr ist das bevorzugte Material. Davon ausgehend wird alles selbst gefertigt, Stahl geschmiedet, Gewinde gedreht, Beton gegossen. Die Oberfläche schließlich wird in spezialisierten Betrieben vollendet. Die Skulpturen sind zerlegbar, die einzelnen Teile unsichtbar miteinander verschraubt und ineinander verspannt.

Schon im Entstehen besitzen die Skulpturen einen engen Bezug zum Körper. Sie nehmen gewissermaßen in Beziehung zum Körper der Künstlerin Gestalt an. Es gibt keine genauen Konstruktionspläne, nur kleine Skizzen, die manchmal auf Betonplatten übertragen werden und eigene kleine Kunstwerke bilden. Der Bezug zum Körper der Künstlerin bleibt auch darin erhalten, dass alle Skulpturen, selbst solche von erheblichem Gewicht, von Toni Schmale selber aufgebaut werden können. Und noch auf andere Weise wird der Bezug zum Körper der Künstlerin sichtbar.  Dann nämlich, wenn in Beton gegossene Hände an der Wand montiert werden und Stahlstäbe halten. Hier wird der Körperbezug augenscheinlich. Doch wo ist der Körper geblieben? In der Wand? Wie die geheimnisvolle an die Wand schreibende Hand beim Gastmahl des Belschazzar (Dan 5) ragen diese Hände ohne Körper wie eine rätselhafte Botschaft in den Raum.

Die Skulpturen von Toni Schmale mögen an viele Gerätschaften erinnern, die eng mit dem menschlichen Körper verbunden sind, an Geräte zur Lust und an Geräte zur Qual. Sie mögen Vorstellung von Machtausübung, von Herrschaft über andere, von Zwang wachrufen. Doch diese Assoziationen legen sich wie ein Schleier über etwas anderes. All diese Gebilde weisen auf etwas hin, so nah vor Augen, dass es leicht übersehen wird. Jedes dieser bildhaften Objekte markiert eine Leerstelle, den Ort des abwesenden Körpers. Toni Schmale erschafft in ihrer Kunst Räume ohne Körper, körperlose Orte. Sie schreien nach dem Körper. Doch die Leere muss ertragen werden. Ich darf mich nicht auf die Geräte stellen, nicht meinen Körper ihnen zur Verfügung stellen. Vielleicht ist es das, was diese Skulpturen so rätselhaft macht, ja geheimnisvoll, und das sie in eine merkwürdige Stille stellt.

Auf noch etwas möchte ich hinweisen. Silvia Eiblmayr erwähnt es kurz in einem sehr schönen Text zur Künstlerin wenn sie davon schreibt, dass es Toni Schmale gelänge, „eine merkwürdig widerspenstige und gleichzeitig verletzliche Sinnlichkeit zum Ausdruck zu bringen“. Das Zarte, Verletzliche und Feinfühlige dieser Arbeiten kann leicht übersehen werden. Es zeigt sich in der Labilität all dieser wuchtigen Gebilde. Sie habe etwas vom leisen Schritt der Elefanten. Es zeigt sich auch in der Verwundbarkeit der Oberflächen.

Und dann noch etwas: Toni Schmale besitzt einen feinen und ganz wunderbaren Humor. Sie ist imstande, ein pulverbeschichtetes Formrohr einer perfekt konstruierten Maschine unterzulegen, als wäre das Gebilde in Gefahr allzu großer Schräglage (kontaktgrill). the good enough mother erinnert an Bodenreinigung und Fitness zugleich. Es stimmt schon. All das ist schwer und ernst und wuchtig. Wer aber das feine Lächeln dieser Gestalten übersieht, bleibt im Schweren stecken. Doch auf das will Toni Schmale mit ihrer Kunst sicher nicht hinaus.

(Rede von Gustav Schörghofer SJ zur Überreichung des Msgr. Otto Mauer-Preises 2017 an Toni Schmale)