CURRO CLARET – VON DER BETBANK ZUR BETTBANK

Wie mit Design die Welt verbessert wird

 

Der spanische Designer Curro Claret hat eine Kirchenbank entworfen, deren Rückenlehne mit wenigen Handgriffen umgeklappt werden kann. Aus einem Möbel zum Sitzen und Knien wird eine Liege. Die ebene Fläche hat ungefähr die Größe eines Bettes. Hier kann jemand ruhen, nicht bequem, aber doch wenigstens trocken und auf Holz. Die Bank ist nicht als Reaktion auf ein Bedürfnis gestaltet worden, im Auftrag einer Kirche oder einer Glaubensgemeinschaft. Sie erinnert vielmehr an ein Bedürfnis und ruft eine alte Verantwortung in Erinnerung. So gesehen schafft Design nicht nur schöne und ansprechende Dinge, sondern setzt in einem komplexen gesellschaftlichen Kontext markante Zeichen. In diesem Fall wird darauf aufmerksam gemacht, dass Menschen obdachlos leben, auf der Straße stehen, dass sie von dem schützenden Netz sozialer Beziehungen nicht getragen werden und dass es ihnen gegenüber eine Verantwortung gibt. Vor allem die christlichen Kirchen haben in unserer Gesellschaft diese Verantwortung wahrzunehmen, da der Sorge um Arme und Benachteiligte von den Anfängen der Kirche an besondere Aufmerksamkeit gewidmet worden ist. Heute spricht man von „Option für die Armen“.

Kirchengebäude waren früher Orte der Zuflucht und des Schutzes. Pilger konnten hier die Nacht verbringen. Heute sind es Asylsuchende und Flüchtlinge, die in Kirchen vorübergehend eine Bleibe finden. Vor gut einem Jahr fand eine Gruppe von Asylsuchenden einige Wochen lang Schutz in der Wiener Votivkirche. Sie mussten auf dem Boden der Kirche schlafen. Die Bank von Curro Claret hätte für sie von der Betbank mühelos in eine Bettbank verwandelt werden können.

Vielen Kirchen werden heute aus Angst vor Diebstahl und Vandalismus geschlossen. Entweder steht man überhaupt vor einem verschlossenen Kirchentor, oder ein Gitter verwehrt den Zugang zum Kirchenraum. Der nicht betretbare Raum ist schön und weit und leer. Eine verschlossene Kirche ist eine leere Kirche, und eine leere Kirche ist tot. Auch auf die Gefahr hin, dass nicht alles an seinem Platz bleibt, auch auf die Gefahr hin, dass manches beschädigt werden kann, muss eine Kirche offen sein. Nur eine offene Kirche lebt. Sie bietet denen, die eintreten, einen Ort der Stille, der Ruhe und des Schutzes. Hier ist jeder willkommen. Hier kann jeder bleiben. Hier wird niemand vertrieben. Hier wird jedem Menschen Aufmerksamkeit geschenkt. Das kommt auch durch die Gestaltung des Raumes und seiner Gegenstände zum Ausdruck, in der Schönheit des Raumes und der Schönheit der Dinge. Diese Schönheit bedarf der Pflege und der Aufmerksamkeit. Und hier bedarf es auch des Designs.

Die Gestaltung von Dingen kann ein Beitrag zur Verbesserung der Welt sein. Die Kunst des Designs kann die Welt besser machen. Nicht, indem sie eine Welt schöner Dinge schafft, abseits von allem, was nicht schön ist. Design kann Dinge gestalten, die nicht nur funktionieren, sondern über ihr Funktionieren hinaus den Blick offenhalten für Übersehenes, Verdrängtes, an den Rang Gedrängtes. Genau das macht die Kirchenbank von Curro Claret. Sie funktioniert. Sie ist auch schön, sorgfältig gestaltet. Aber über das hinaus hält sie gerade durch ihr Funktionieren und durch die sorgfältige Gestaltung eine Erinnerung wach. Die Erinnerung an Menschen am Rand der Gesellschaft gibt, an Schutzsuchende und Obdachlose. Die Möglichkeit, eine Betbank in eine Bettbank zu verwandeln macht deutlich, dass diesen Menschen Raum gegeben wird. Verbesserung der Welt bedeutet hier, dass inmitten der Not eine Tür zur Freiheit offen gehalten wird. Auch dort, wo alles aussichtslos erscheint, gibt es neue Wege, andere Möglichkeiten. Die Kunst kann diese Möglichkeiten wahrnehmbar machen. Und Design ist Kunst.

Gustav Schörghofer SJ