CHRISTOPH URWALEK
MAGAZIN

22. Jänner 2013 – 10. März 2013

Zum ersten Mal bin ich den Arbeiten von Christoph Urwalek vor ungefähr 15 Jahren begegnet. Er war damals ein sehr verheißungsvoller Maler und hat in Öl gearbeitet, sehr farbige Bilder. Gleich war zu sehen, dass da jemand arbeitet, der einen Sinn für Farben hat. Es gab Anklänge an Landschaftliches. Die Bilder waren sehr raumhaltig, atmend. Doch inzwischen ist in der Kunst von Christoph Urwalek alles ganz anders geworden. Da kann ich ihm nur gratulieren und seinen Mut bewundern. Denn den braucht es, um die eigene Kunst ganz und gar zu ändern. Nicht nur, dass es Schwierigkeiten mit Leuten geben könnte, die sich Bilder wünschen. Die schon das farblich passende Sofa angeschafft haben. Auch die Galeristen sind irritiert, wenn ein Künstler nicht mehr die gewohnte Ware liefert, weil ihnen die Kundschaft abhandenkommt. Es ist also ein gewagtes Unternehmen, den Stil radikal zu ändern. Das sieht man selten, wirklich selten.

Was ist zu sehen? Da sind großformatige Arbeiten, aber auch kleinere Formate. Verbunden sind sie durch die collageartige Technik. Die kleinen sind echte Collagen, aufgeklebte, ausgeschnittene Bildeinheiten, teilweise ist mit Siebdruck gearbeitet worden. Das alles hat mit jener Bildflut zu tun, die uns Tag für Tag überschwemmt. Wir sehen uns ja Tag für Tag mit einer Bildproduktion unvorstellbaren Ausmaßes konfrontiert und haben das zu verarbeiten. Von vielem werden unsere Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflusst. Für Frauen und Männer wird ein Typ vorgeschlagen, der ein bestimmtes Verhalten hat, bestimmte Kleidung und einen bestimmten Stil des Auftretens pflegt. Und diesem Typ passt man sich an – als Ideal – und findet dann als Mann selbstverständlich die entsprechende Frau, die auch wieder aus einem Magazin ihr Vorbild genommen hat. Und umgekehrt. Diese Bildentwürfe tauchen nun in den Collagen und den großen Bildern auf. All das sind Versatzstücke aus einer Fülle von Weltentwürfen. Manches wiederholt sich, wie ein fesches Mädchen oder schießende Personen, oder eine Gestalt, die um 90 Grad gedreht ist. Sie werden in unterschiedlicher Art und Weise zueinander in Beziehung gebracht und hineingesetzt in dieses große Weiß. Es wird nicht Zusammengehörendes vereint. So werden neue Geschichten erfunden. Und es werden ganz neue Wirklichkeiten ersonnen. Das hat auch einen Bezug zur Pop Art, die ähnlich gearbeitet hat. Auch die Rasterung durch den Siebdruck erinnert daran. Es ist weitgehend eine Welt junger Menschen, aber man könnte sich das Ganze auch mit alten Menschen vorstellen. Bei denen geschieht genau das gleiche. Die können sich auch nicht aufführen, wie sie möchten. Sie müssen auch bestimmten Vorbildern entsprechen. In diesen Bildern gibt es Chic, Gewalt und auch Beiläufiges, wie einen Hund, der seelenruhig schläft, während um ihn herum wild geschossen wird.

Früher hat die Kunst Bilder produziert, doch hier hat man es mit einer Kunst zu tun, die den Betrachter, die Betrachterin in ein kritisches Verhältnis zu Bildern setzt. Natürlich sind auch das produzierte Bilder, aber sie setzen den Betrachter in ein kritisches Verhältnis zur Bildproduktion, die uns umgibt und auf uns einstürmt. Um diese Kultivierung eines kritischen Bewusstseins geht es hier.

Es wird natürlich auch etwas verborgen und verschwiegen, und es lohnt sich darauf zu achten. In der zeitgenössischen Musik gibt es große stille Passagen, wo keine Musik im Sinne eines Klangs zu hören ist. Auch hier, in den Bildern von Christoph Urwalek, gibt es große weite Flächen, wo im Grund genommen keine Aussage gemacht wird. Es gibt sehr viel Weiß und Schwarz. Es lohnt sich, das wahrzunehmen. Auch diese Flächen sind gestaltet, die Farbe wurde gewalzt. Manchmal erinnert das an die Struktur der Wände. Die Bilder haben so etwas von einer Wandmalerei oder einer Collage direkt auf die Wand.

Und dann das Poetische dieser Bilder. Auf das zu achten, scheint mir besonders wichtig. Das Poetische dieser Bilder ist in jenem stillen und fast verstummenden Weiß zu finden. Es geht in dieser Kunst nicht einfach nur um eine Schulung des Intellekts. Im Grund geht es um den lebenden Menschen, und zwar um jenen, der vor den Bildern steht. Der soll feinfühliger, hellsichtiger und hellhöriger werden für das, was mit ihm geschieht. Und das Weiß ist dabei so etwas wie ein Resonanzraum. Noch etwas kommt dazu: diese Bilder haben auch etwas sehr Witziges. So bierernst darf das alles nicht genommen werden, gewissermaßen als Aufforderung zum Schießen oder als Aufforderung zum feschen Leben oder zum Bauen von Holzhütten. Ein Hinweis auf das Ironische kann auch in der Sprechblase mit ihrem Ausdruck einer großen Hoffnung gesehen werden.

Farbe kommt in diesen Bildern nur sehr zurückhaltend vor. Eine Ausnahme macht ein Bild, dessen wolkenartige und an Erdäpfel erinnernde Farbflächen auf die sogenannte Sinus-Studie verweisen. Sie teilt die Gesellschaft in verschiedene Milieus ein. Eingeteilt werden heute ja alle. Das schafft Ordnung im Unüberschaubaren. Doch hat diese Einteilerei auch etwas Verdächtiges. Es gibt in der heutigen Zeit, wo man keinen festen Boden mehr unter den Füßen hat, ein ungeheures Bedürfnis, irgendwo dazu zu gehören, irgendwo eingeteilt zu sein. So können Betrachter und Betrachterinnen auch im bunten Bild von Christoph Urwalek ihren Ort in der Gesellschaft finden, von der Oberschicht bis zur Unterschicht, vom Festhalten bis zum Grenzen überwinden.

In all diesen Bilder wird witzig mit Dingen umgegangen, die im Bewusstsein präsent sind, aber oft gar nicht hinterfragt werden. Es wird auch witzig mit einem gegenwärtigen Jugendkult umgegangen. Die Ausstellung heißt Magazin, weil sich eine Reihe von Bildern auf ein Magazin namens Another Man beziehen, in dem das neue Männerbild entworfen wird. Und Christoph Urwalek macht aus „Another Man“ wirklich einen anderen Mann. Er lässt eigene Gestalten entstehen, die zum Teil wie fremde Lebewesen ausschauen, irgendwas Komisches an sich haben, in sich gebrochen sind. Der Ernst aller dieser vorgeschlagenen Lebensentwürfe wird auf diese Weise gebrochen. Der Betrachterin, dem Betrachter schenken die Bilder von Christoph Urwalek die Freiheit des Blicks. Und das schadet uns allen nicht.

Gustav Schörghofer SJ

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