SEVDA CHKOUTOVA
gelitten hat meine mutter

20. März 2012 - 29. April 2012

Flüstern und Hauchen

Sevda Chkoutova ist Zeichnerin. Sie arbeitet auf Papier. Viele der Zeichnungen sind großformatig. Das allein ist ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist auch die technische Brillanz dieser Arbeiten. Dieses Können wird wohl der Ausbildung in Bulgarien verdankt. Durch das Studium in Österreich ist das Besondere dieser Kunst reflektiert und gestärkt worden. Ungewöhnlich sind die Zeichnungen auch in Bezug auf den Inhalt oder die Titel. Die Blätter werden „madonna“ benannt oder „verblüht“ oder „Kinderspiel“. Dargestellt sind vielfach Frauen, Mütter, Kinder. Es gibt Ausflüge ins Unheimliche, manchmal Skurrile.

Die Virtuosität dieser Zeichnungen verbirgt eine sonderbare Unsicherheit. Das Liebliche und Unbeschwerte der Inhalte verbirgt etwas Gebrochenes, Abgründiges, Düsteres. Der Bleistift huscht über die Oberfläche des Papiers. Ein Hauch ist das Grau des Graphit. Manchmal wird radiert, so dass die weiße Fläche des Papiers wieder freigelegt ist. Diese Kunst zeigt sich im Umgang mit feinen Andeutungen, mit Auslöschungen, mit der Feststellung von etwas, das zugleich jedem Zugriff entzogen wird.

„madonna_5“ ist das Bild einer hochschwangeren Frau, die ein Kind im Arm trägt. Das Kind mit seinem runden Bäuchlein ragt über dem prallen Bauch der Mutter hoch. Mutter und Kind wenden sich dem Betrachter zu. Sie befinden sich in einem durch einige Gegenstände angedeuteten Raum. Das Bild wird von Schrägen dominiert. Die Vertikale des Kindes gibt Halt. Sie festigt die Bildkonstruktion. Die Miene der Mutter, Sevda Chkoutova hat sich selbst dargestellt, und des Kindes sind ernst, Gesichter wie einem unaussprechlichen Schrecken gegenüber. Die Idylle der zarten Haut täuscht. Die Wucht des Vitalen fehlt. Ein waches und sehr zartes Ich besteht ohne Demonstration von Macht ein fremdes Gegenüber.

Über die weite Fläche des Papiers legt Sevda Chkoutova den zarten Schleier der Figuren und der Dinge. Sie sind mit Sicherheit gegenwärtig und doch nur eine Spur von der Stille des weißen Grunds entfernt. Alles Dargestellte ist so sehr von einer Stille durchdrungen, ja gesättigt von ihr, dass seine bloße Gegenwart wie ein Wunder erscheint. So weit sich Sevda Chkoutova mit ihrer Kunst in Zonen vorwagt, die der zeitgenössischen Kunst schon längst abhandengekommen sind, so anachronistisch daher diese Arbeiten wirken mit ihrer altmeisterlich scheinenden Technik und den Bildern von Mutter und Kind, so wenig sind diese Zeichnungen das Ergebnis einer Flucht.

Im Gegenteil: Angesichts dieser Bilder wird deutlich, wie vieles der gegenwät1igen Bildproduktion selber einer Flucht ist. Eine Flucht vor der eigenen Verwundbarkeit und Ausgesetztheit, vor der Bedrohtheit des Individuums, vor dem Zarten und Stillen, das ein Leben auch im Exponierten trägt.

Gustav Schörghofer SJ

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