ANNELIESE SCHRENK

29. März 2011 - 10. Mai 2011

Lauter Zufälle

Die Kunst von Anneliese Schrenk ist äußerst still und zurückhaltend. Sie besteht aus einfarbigen Flächen. Da gibt es welche, die mit Farbstift, Pigmentmarker, Pigment, Büffelbeize und Schuhpaste auf Papier hergestellt werden. Und es gibt andere, die vorgefunden werden. In einer Lederfabrik kauft Anneliese Schrenk Rindshäute, die sie dann auf Keilrahmen spannt. Meist sind es Ausstoßhäute. Sie haben durch die Verarbeitung Löcher oder von Natur her Unregelmäßigkeiten. Manche der Häute werden mit Salpetersäure bearbeitet, die anderen bleiben, wie sie sind. Ist das schon Kunst, ein Stück Leder auf einen Keilrahmen zu spannen?

Normalerweise wird Leder in Verbindung mit Zwecken gesehen. Es wird für Möbel, Autositze, Taschen oder Schuhe verwendet. Dieses wunderbare Material wird meist nicht für sich betrachtet, frei von Gedanken an Verwendbarkeit. Die Kunst von Anneliese Schrenk schafft dazu die Möglichkeit. Noch etwas kommt dazu: Die Haut ist ein besonderes Organ, ein Ort, wo Innen und Außen kommunizieren. Die Haut trägt die Spuren von Verwundung, sie zeigt, was einem Lebewesen widerfahren ist. Für das Innere ist sie Grenze zur Außenwelt, für ein Außen Grenze zu einer Innenwelt. Die Haut und die Leinwand eines Bildes haben erstaunliche Ähnlichkeiten. Außen und Innen kommen hier zusammen. Ab der Mitte des vergangenen Jahrhunderts gibt es viele Bilder, deren Leinwand aufgeschnitten, durchlöchert oder sonstwie bearbeitet ist.

Die Kunst von Anneliese Schrenk besteht nicht so sehr im Herstellen, vielmehr im Aufsuchen. Sie weist auf etwas hin, das mir zufällt, wenn ich nur den rechten Blick habe. Sie macht geschenkte Schönheit wahrnehmbar. Was gibt es vor einer rechteckigen Lederfläche zu sehen? Sehr wenig, und zugleich sehr viel. Wenn in der Musik heute oft die Klänge so leise werden, dass sie an den Rand der Stille stoßen, dann bekommt das gerade noch Hörbare eine wunderbare Gegenwart. Es kommt aus der Stille, wie ein Geschenk. So ist es auch mit den Arbeiten von Anneliese Schrenk. Sie lassen mich still werden. Und wenn es ganz still geworden ist, dann bekommt die Haut, bekommen unmerkliche Farbdifferenzen oder Narben eine wunderbare Gegenwart. Es ist die einer geschenkten Schönheit, ganz anders als alles, was wir an Hergestelltem und Produziertem um uns haben. Sicher, auch das Leder und diese Bilder sind hergestellt. Aber sie verdecken nicht ihren Ursprung, sie machen ihn sichtbar.  

Gustav Schörghofer SJ