GABRIELE ROTHEMANN
FATSCHE I

Februar 2010 bis Mai 2010

Das von Februar bis Mai 2010 in den Hochaltar der Jesuitenkirche gehängte Bild eines Hasen geht zurück auf eine 2001 entstandene Fotografie auf Barytpapier, 205,5×120,5 cm: Fatsche I (Hase). Gabriele Rothemann hatte einen gehäuteten Hasen in ein Hasenfell gewickelt und auf weißem Grund fotografiert. Das Auge des toten Tieres ist offen. Die Löffel stehen vom Kopf ab. Die Gestalt hat etwas Strenges, Distanziertes. Das Schwarz-Weiß der Fotografie trägt zu diesem Eindruck bei.

Fatsche I ist in unterschiedlichen Zusammenhängen zu betrachten. Zunächst im Kontext der künstlerischen Arbeit von Gabriele Rothemann. Bilder von Fellstücken, Bilder toter Tiere, Bilder in Fell gewickelter Tiere kehren in ihrem Werk immer wieder. Dazu gib es noch kleinformatige Arbeiten auf Papier und ein Archiv, eine große Sammlung von Abbildungen aus Zeitungen und Büchern, die von der Künstlerin seit 1984 ausgeschnitten und auf A4 und A5 Kartons geklebt werden. Eine Fotografie von Gabriele Rothemann entsteht im Lauf eines langen und langsamen Prozesses der Bildfindung. Erinnerungen an die Bilder des Archivs schwingen nach. Eine erste Gestalt wird in einer kleinen Zeichnung gefunden, meist Tusche und Aquarell auf Papier. Was ein Betrachter als großformatige analoge Fotografie vor sich hat, ist die Verdichtung zahlreicher Bildvorstellungen, gesammelt aus weiten Bereichen des Lebens, der Geschichte der Welt. „Möglich wäre es, dass diese Fotografien allgemein als ein Gegenentwurf zur alltäglichen oberflächlichen oder zweckorientierten visuellen Wahrnehmung funktionieren, dass  sie Medienkritik formulieren oder generell Kategorien wie Kunst, Natur, Kultur, Wissenschaft, Geschichte und deren Bedeutung für Wissenschaft und Gesellschaft in Frage stellen.“ (Hans Günter Golinski)

Auffallend und bemerkenswert ist das Distanzierte der von Gabriele Rothemann geschaffenen Bilder. Es ist mit einer hingebungsvollen, ja geradezu leidenschaftlichen Zärtlichkeit verbunden. Die Erscheinung des Tieres, Haar für Haar, wird sorgfältig ins Bild gesetzt. Den Grauwerten des Hasenkopfes, feinsten Nuancen, wird peinlich genau nachgegangen. Der Betrachterin oder dem Betrachter ermöglicht das, durch sorgfältiges Schauen selber eine Nähe zum Bild zu finden, ihrerseits diese Zärtlichkeit des Blickes zu üben.

Im Rahmen der Kirche fällt es nicht schwer, Fatsche I in vielfältigen Bezügen zur christlichen Bildwelt zu sehen. Zum einen ist die Wiener Jesuitenkirche selber ein Archiv zahlreicher Bilder, die lockere Anknüpfungen ermöglichen. Ausdrücklicher werden Bezüge, wenn wir uns die Bildwelt der Evangelien in Erinnerung rufen. Der Bogen reicht vom Kind, „das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“ (Lk 2,12) bis zum Leichnam Jesu, der in ein Leinentuch gehüllt ins Grab gelegt wird (Mt 27,59; Mk 15,46; Lk 23,53; Joh 19,40). „Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.“ (Joh 19,40) Ohne weiter auf diese möglichen Verbindungen bildlicher Vorstellungen einzugehen, möchte ich nur auf die Zärtlichkeit und Sorgfalt der beschriebenen Handlung aufmerksam machen.

Selbstverständlich ist der Hase auch als Symbol vielfach in die europäische Bildwelt eingegangen, von den ersten Jahrhunderten bis in die Gegenwart. Er ist Sinnbild des schwachen Menschen, der vor seinen Verfolgern in den Felsen (Kirche, Christus) Zuflucht sucht. Sinnbild des Kreislaufs der Zeit, der Fruchtbarkeit, der Auferstehung Christi. In der Sage ist er ein Lichtzeichen, ein Symbol des Blitzes, daher auf Dachfirsten zu finden (Spitz an der Donau).

All diesen Verknüpfungen mit der überlieferten christlichen Bildwelt ist ein anderer Aspekt entgegenzuhalten. Fatsche I ist im Kontext dieser Bildwelt äußerst bildkritisch. Was uns hier vom Hochaltar her anblickt, hat es in dieser Form noch nie gegeben. Wenn Fatsche I der Bildwelt der Jesuitenkirche eingefügt und Teil dieses Archivs von Bilder wird, dann lässt sich eine Überlegung von Hanne Loreck auf dieses Gesamte anwenden: „ Das, was Gabriele Rothemanns Archiv, oder besser Anarchiv, betreibt, scheint etwas zu sein, das sich mit Wahrnehmung an dem Punkt berührt, wo diese den konventionellen Kode des Bildschirms und seines kulturellen Regimes hintergeht, indem sie gegen die grundsätzlich hierarchische und das heißt machtverstrickte Verwaltung ein – zunächst subjektives – Gewahrwerden setzt.“

„Bildschirm“ kann in unserem Zusammenhang durch „christliche Bildwelt“ ersetzt werden. Das Bild im Hochaltar ermöglicht ein Gewahrwerden.

Aus „Drei in Blau“, Gustav Schörghofer SJ, 2013