MANFRED ERJAUTZ UND MICHAEL KIENZER
GENERAL SYSTEMS

ab Juni 2004

Die Installation im Presbyterium der Jesuitenkirche besteht aus einem Altar, einem Ambo und einem Priestersitz von Michael Kienzer und aus einem Kreuz und Altargeräten von Manfred Erjautz.

Manfred Erjautz baut die von ihm geschaffenen Geräte aus Lego. Schon seit 1989 arbeitet er mit diesem Material. Kinder in aller Welt spielen mit ihm. Manfred Erjautz übernimmt in seine Kunst jene Modelle, aus denen Kinder im Spiel ein Abbild der Welt der Erwachsenen schaffen. Die von ihm aus Lego geschaffenen Kunstwerke sind verwurzelt in der Welt des Spiels und des Kindes. Sie gehören jedoch der Erwachsenenwelt an, einer Welt, die das Spielen oft verlernt hat.

Eines der Geräte ist für die Aufnahme der Hostien bestimmt. Ein Lastwagen und ein Anhänger sind parallel zueinander gestellt. Auf beide ist eine Art Mauer aus kristallklaren Bausteinen gesetzt. Sie scheint zu schweben  und umfängt Lastwagen und Anhänger. Ein Bezirk ist abgegrenzt, ein Ort geschaffen. Zwischen die geöffneten Türen der Fahrzeuge kann eine große Hostie stehend eingefügt werden. Auf einer der Türen ein Fischsymbol und darunter das Wort „Transport“.

Das andere Gerät, für die Aufnahme des Weins bestimmt, ist ein Architekturmodell. Ein Haus auf einer Bogenkonstuktion. Beides auf einem Unterbau aus kristallklaren Bausteinen, wie schwebend. Das Haus ist oben offen, unvollendet, nicht abgeschlossen. Es hat Fenster und Türen. Das Innere des Hauses wird von einer kleinen, sorgfältig eingepassten Glasschale ausgefüllt. Von oben und durch die Fenster kann in das Innere des Hauses hineingeschaut werden. Von oben kann es mit Wein und Wasser gefüllt werden.

Der Fisch ist ein uraltes Symbol für Jesus Christus und zugleich jene Speise, die der Auferstandene den Jüngern bereitet hat. Das Gebaute verweist auf die biblischen Symbolik von Haus, Tempel und Stadt. Beide Geräte haben den Charakter von Ostensorien, von jenen traditionellen Gefäßen, in denen die konsekrierte Hostie zur Verehrung dargeboten wird.

Das Kreuz ist aus kristallklaren Bausteinen geformt. Der vertikale Balken wird unterbrochen von einem Lastwagenmodell, aus dem vorne und hinten der horizontale Balken herauswächst. Das Zeichen des Kreuzes wird mit Transport (im Kasten des Lastwagens zu lesen) in Verbindung gebracht. Die Türen des Lastwagens sind alle weit offen. Ein Durchblick tut sich auf. Das Kreuz als Mittel, einen Weg zurückzulegen, als ein Durchgang auf etwas hin, als Ort eines Transports, der einen Ausblick eröffnet, einen Horizont auftut. Das Kreuz nicht als Ende, sondern als Ort eines Aufbruchs. Jesus hat am Kreuz die Sünden der Welt getragen. Auch an das kann der Lastwagen als Symbol erinnern. Das Kreuz mit seinen bunten und kristallklaren Legosteinen erinnert an Kreuze der Spätantike und des Mittelalters.  Diese Kreuze zeigten nicht die Gestalt des Gekreuzigten. Sie waren als Siegeszeichen gestaltet. Der Sieg über Tod und Sünde wurde durch sie vergegenwärtigt. Sie waren mit kostbaren Steinen geschmückt.

Die Arbeiten von Michael Kienzer sind aus Beton. So einfach und still dieses Material ist, so still sind auch Altar, Ambo und Priestersitz. Es sind Gebilde äußerster Einfachheit, die an die Anfänge dessen erinnern, was hier gefeiert wird. Der Altar besteht aus einem Unterbau aus zwölf Stühlen, über die eine Platte gelegt ist. Der 13. Stuhl ist als Priestersitz abseits aufgestellt. Zwei Kisten aus Beton bilden den Ambo. Eine als Sockel, eine als Pult. Diese Pultkiste ist so gestellt, dass ihr Offenes nach vorne schaut, zur Gemeinde hin. Sie ist leicht aus der Achse der Sockelkiste verschoben. Das ganze Gebilde hat den Charakter des Improvisierten. Hier ist mit dem, was gerade vorhanden war, der Ort einer wichtigen Mitteilung geschaffen worden. Ein Ort der Kommunikation, des Hörens und Redens.

Der Unterbau des Altars ist aus 48 gleich großen Platten zusammengestellt. Je vier von ihnen bilden einen Stuhl. So labil diese Zusammenstellung erscheinen mag, so fest ist der Zusammenhalt dieser um eine offene Mitte versammelten Gemeinschaft. Was von vorne betrachtet als fester Altarblock erscheint, erweist sich in der Seitenansicht als ein zartes Gebilde, das in sich einen freien Raum birgt. Sowohl durch ihre Maße als auch durch die Variierung bestimmter Farbtöne stehen die Platten des Altars in einer Beziehung zu den Bodenplatten der Kirche. Das und die Proportionen des Blocks geben dem Altar einen festen Halt im Raum der Kirche. Das von vorne betrachtet wie schwebend wirkende Gebilde ist im Raum fremd und beheimatet zugleich. Es gehört hierher und ist zugleich ganz anders als seine Umgebung.

Der 13. Stuhl erschließt den Aufbau des Altars. So wie im Altar die Stühle um eine offene Mitte versammelt sind, so sind bei der Feier der Messe Gemeinde und Priester um den Altar versammelt. In ihrer Mitte ereignet sich die Gegenwart Gottes. So wie der Ambo einfachste Gestalt des Aufnehmens und der Mitteilung ist, so wird im Verkünden und im Hören die Gegenwart Gottes erfahrbar. Inmitten des mit großem Aufwand gestalteten Raums der Jesuitenkirche schafft das Ensemble von Sitz, Altar und Ambo einen mit einfachsten Mitteln gestalteten Ort des Ursprungs und Anfangs.

Die Arbeiten von Michael Kienzer und das Kreuz von Manfred Erjautz wurden 2006 von den Jesuiten Wien 1 für die Kirche erworben. Finanziert wurde der Ankauf durch Spenden der Gemeinde der Jesuitenkirche und durch einen Beitrag der Jesuitenkommunität. Kurz vor Weihnachten 2008 ist das Kreuz zerstört und zum Teil entwendet worden. Manfred Erjautz hat es wieder hergestellt. Es steht nun auf der Kanzel der Jesuitenkirche.

Aus „Drei in Blau“, Gustav Schörghofer SJ, 2013